„Die Krise verstehen“

Alternativlose Sparpolitik? Ein Handbuch der Krisenversteher

Griechenland muss strenge Sparvorlagen erfüllen.
© ANA-MPA

Der Grieche muss sparen, der Deutsche mehr Autos bauen. So ließe sich spöttisch die herrschende Wirtschaftslogik beschreiben, die seit Beginn der Finanzkrise 2008 die Industriestaaten steuert.

Von Alexander Fanta, APA

Wien - Zu Beginn der Krise 2008 gehegte Befürchtungen von Politikern und den „Märkten“, die keynesianische Ökonomie der 1970er-Jahre und marxistische Denkmuster schafften die Rückkehr in die Politik, stellten sich bisher als kaum berechtigt heraus. Dass die lange Rezession aber dennoch zu einer Renaissance linker Wirtschaftstheorie zumindest in der Fachwelt geführt hat, macht nun eine Neuerscheinung deutlich.

Im Sammelband „Die Krise verstehen“ erläutern zeitgenössische Wirtschaftsexperten, warum aus der Sicht der Linken das Sparen in der Krise ein Fehler und die Exportfixierung Deutschlands für Europas Wirtschaft schädlich ist.

Kritische Stimmen kommen zu Wort

In dem Kompendium des „Falter“-Verlages kommt eine breite Palette an neuen, kritischen Stimmen zu Wort. Nicht fehlen dürfen da etwa der Popstar unter den Kapitalismuserforschern, der Franzose Thomas Piketty, der im Vorjahr mit seiner Studie „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ weltweit für Aufsehen sorgte, oder der US-Ökonom Paul Krugman mit seinem Ruf nach mehr Investitionen für Wirtschaftswachstum.

Einblick gibt es auch in die Gedanken des wichtigsten Erben der Frankfurter Schule, Philosoph Axel Honneth, sowie des Ökonomie-Jungstars Gabriel Zucman, der das Scheitern der Politik im Kampf gegen Steueroasen anprangert.

Das Werk zeichnet einen Abriss der Finanzkrise seit 2009 und erläutert das Werk führender Krisenversteher vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart auf für Laien anschauliche Art. In dem Kompendium fallen nicht nur bekannte Namen wie John Maynard Keynes und Karl Marx.

Wandel des Wirtschaftsprofessors Streeck

Mit viel Liebe fürs Detail erklären die Autoren auch das Werk von Ökonominnen wie Joan Robinson und Maria Szecsi-März, die viel zum Verständnis antizyklischer Krisenpolitik beitrugen.

Entdeckt wird dabei manch neuer Aspekt: So wird deutlich, dass die Sozialrevolutionärin Rosa Luxemburg mit ihrer Imperialismus-Kritik wesentlich zur Entwicklung der Dependenztheorie beitrug, die seit den 1960ern bei Globalisierungskritikern großen Anklang findet. Beschrieben wird auch der Wandel des Wirtschaftsprofessors Wolfgang Streeck, einem Miterfinder der marktliberalen „Agenda 2010“ in Deutschland, zum linken Kritiker der liberalen Krisenpolitik.

Einen Überblick liefert das Buch, das von „Falter“-Journalist Joseph Gepp herausgegeben wurde, zudem über die maßgeblichen Ökonomen und Wirtschafts-Erklärer in Österreich, von Wifo-Chef Karl Aiginger bis zum Attac-Adabei Christian Felber. Die „Falter“-Autoren haben in ihrem Werk eine Übersicht über so manche Krisen-Gegenmittel vorgelegt. Damit stellen sie sich gegen die Behauptung, dass eisernes Sparen und Sozialabbau als Mittel gegen die Krise - wie es die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ausdrückte - „alternativlos“ sind.