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Bonbonfarbene Überwältigung

Farbe als Spezialeffekt: Zum 100. Geburtstag von Technicolor zeigt das Filmfestival Berlinale eine Retrospektive mit 30 teils restaurierten Filmklassikern. Auf der Leinwand geht es bunt zu.

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„Der Zauberer von Oz“ ein Mix aus Musical, Cartoon und Fantasy entführt aus der grauen Realität in ein Reich der Farbe.
© Turner Media

Von Silvana Resch

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Innsbruck –Der französische Zauberkünstler und Filmpionier George Méliès kolorierte „Die Reise zum Mond“ (1902), den ersten Spielfilm der Geschichte, noch von Hand. Mit hauchzarten Pinseln wurden die Farben in den 16-minütigen Science-Fiction-Film aufgetragen. Frame für Frame, höchst aufwändig und dennoch wenig präzise, wie eine restaurierte Fassung auf YouTube zeigt. Der Filmmagier Méliès wusste: Damit die Flucht aus dem grauen Alltag gelingt, braucht es Farbe. Doch auch wenn er spektakuläre Effekte erzielte, die Farben erschienen dennoch getrennt von der filmischen Erzählung. Lebendig wirkten hingegen die ersten Technicolor-Filme, die eine wahre Explosion an Farben auf die Leinwand brachten. Den Filmemachern eröffneten sich dadurch völlig neue ästhetische Möglichkeiten, Farben wurden zum wesentlichen Element der filmischen Dramaturgie.

Der Erfinder Herbert T. Kalmus brachte Technicolor 1915 auf den Markt. Zum hundertsten Geburtstag des Farbfilmverfahrens zeigt die Berlinale nun eine Retrospektive unter dem Titel „Glorious Technicolor“. 30 Filmklassiker, die teilweise aufwändig restauriert wurden, sind auf großer Leinwand zu sehen, parallel dazu wurde eine gleichnamige, reich bebilderte Publikation aufgelegt. Bis Technicolor seinen Siegeszug antreten konnte, sollte es jedoch ein Weilchen dauern. Farbspektrum und Farbwiedergabe des von Kalmus gemeinsam mit Daniel Comstock und Burton Wescott entwickelten Zwei-Farben-Verfahrens Technicolor Nr. I waren noch wenig überzeugend. Erst mit dem Drei-Farb-Verfahren Technicolor Nr. IV, das ab 1932 mit den Farben Grün, Rot und Blau zum Einsatz kam, konnte das gesamte Farbspektrum wiedergegeben werden. Filme wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, „Robin Hood, König der Vagabunden“ oder „Vom Winde verweht“ brachten den Durchbruch. Die New York Times behauptete zwar, dass Farbe bei langen Filmen zu Ermüdung der Augen führe, für das Hollywood-Establishment war mit dem Kassenschlager „Vom Winde verweht“ aber Farbe endgültig im Kino angekommen. Durch die experimentelle Beleuchtung kam es in dem Südstaatendrama zu einer neuartigen Synthese von Licht und Farbe.

Eine der großen Stärken des Technicolor-Verfahrens lag indes darin, Hauttöne natürlich wiedergeben zu können, in Nahaufnahmen erhielten Gesichter eine ungewöhnliche Tiefe. Im bonbonfarbenen Kassenhit „Der Zauberer von Oz“ wirkten derweil die Schauspieler selbst wie Cartoonfiguren. Der Film, der als Antwort auf Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ gedacht war, zeigt die parallele Entwicklung der Gattungen Zeichentrickfilm und Filmmusical – insbesondere auch, was die Farbästhetik anbelangt: etwa die scharfen Kontraste, die die vielfarbigen Sets dominierten, oder auch die vielen gesättigten Farbflächen, wie etwa der gelbe Gehweg. Aber nicht nur Musicals oder Abenteurerfilme verdankten ihren Erfolg der Strahlkraft von Technicolor, auch im Western setzte das Verfahren zum Siegeszug an. Der Streifen „She Wore a Yellow Ribbon“ gilt als meisterhaftes Beispiel für den künstlerischen Umgang mit einer relativ strengen Farbpalette, für die sich Regisseur John Ford an den Gemälden von Frederic Remington orientierte.

Auch die britische Filmindustrie erzielte eindrucksvolle Ergebnisse mit Technicolor. Michael Powell und Emeric Pressburger inszenierten Bilder, die wie Ölbilder wirkten. Als „Malerei mit Licht“ rühmte Martin Scorsese ihren Film „Die schwarze Narzisse“, der von britischen Nonnen am Himalaya erzählt. Verblüffenderweise wurde der Streifen ausschließlich im Studio gedreht. Dass sich Farbe auch im Film noir gut macht, demonstrierte indes der Streifen „Todsünde“. „Chromatisch überwältigt“ sei der hilflose Held von der schönen Mörderin gewesen, schrieb Filmwissenschafter Scott Higgins. Nicht von ungefähr wurde Farbe dereinst als wichtigster Spezialeffekt des Kinos gefeiert.

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Sachbuch Connie Betz, Rainer Rother, Annika Schaefer (Hg.): Glorious Technicolor. Bertz + Fischer Verlag, 180 Seiten, 178 Fotos, 25,70 Euro


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