Rassismus als Politikmaxime
Regisseurin Ava DuVernay erzählt in „Selma“ von einem entscheidenden Kapitel im Kampf für die Bürgerrechte und das Wahlrecht der Afroamerikaner.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Seit dem „Marsch auf Washington für Arbeit und Frieden“ und seiner historischen Rede „I Have a Dream“ am 28. August 1963 war Martin Luther King (1929–1968) für die Welt zur Symbolfigur des zivilen Widerstands geworden. Ava DuVernay eröffnet ihren Film „Selma“ mit einem hilflosen King (David Oyelowo), der in seinem Hotelzimmer in Oslo an seiner Frackmasche scheitert. Aus dieser Verlegenheit hilft ihm seine Frau Coretta (Carmen Ejogo), der Prediger aus Atlanta will im Dezember 1964 bei der Überreichung des Friedensnobelpreises keine schlechte Figur machen. Im Oval Office vereinbaren der Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) und der FBI-Chef J. Edgar Hoover (Dylan Baker), den Preisträger zumindest für die US-Bevölkerung zu diskreditieren. Erst einmal soll es genügen, „Druck in Kings Ehe“ zu machen, denn das FBI verfügt über Tonbänder, die den Bürgerrechtler als Hallodri dokumentieren.
Die wesentlichen Szenen des Films beginnen dann auch mit Inserts zu Zeit- und Ortsangabe, da Bundesbeamte überall Mikrophone installiert hatten. In der ruhigen Collage des Prologs ist auch die Altenpflegerin Annie Lee Cooper (Oprah Winfrey) zu sehen, die sich in Alabama um die Eintragung in das Wahlregister bemüht. Auf dem Formular gibt es die Rubrik Rasse („Negro“), zur Überprüfung der staatsbürgerlichen Reife verlangt der Beamte die Aufzählung aller 67 Bezirksrichter, um mit boshaftem Grinsen „Abgelehnt“ auf den Antrag stempeln zu können. Das Wahlrecht berechtigt nicht nur zur Teilnahme an demokratischen Entscheidungen, aus dem Wählerregister werden auch die Geschworenen berufen, die beispielsweise bei Verhandlungen über rassistische Verbrechen in den Südstaaten die Mitglieder des Ku-Klux-Klan nicht verurteilen, sondern feiern. Dabei hatte Präsident Johnson bereits am 2. Juli 1964 – dem symbolträchtigen 125. Jahrestag der Revolte auf dem Sklavenschiff Amistad – den Civil Rights Act, das Bürgerrechtsgesetz unter Auslassung des Wahlrechts, unterzeichnet.
„Selma“ erzählt vom für viele Farbige tödlich endenden Kampf für das Wahlrecht, den Voting Rights Act. Der Prolog endet dann auch mit einem Schock. Fröhliche Mädchen springen eine Kirchentreppe hinab zum Ausgang, als eine Bombenexplosion die Idylle zerstört und das Kinoparkett erschüttert. Zurück in Atlanta sieht King die Bilder der Zerstörung und der toten Mädchen und beginnt zu handeln.
Selma ist eine kleine Industriestadt in Alabama, wo der Gouverneur George Wallace (Tim Roth) die Rassentrennung zur Maxime seiner Politik erhoben hat. Wallace, ein Demokrat wie Präsident Johnson, weigert sich, die Bundesgesetze in seinem Staat anzuwenden. Mit einem Protestmarsch von Selma nach Montgomery, Alabamas Hauptstadt, wollen die Afroamerikaner auf die Missachtung des Gesetzes aufmerksam machen, doch die vorerst kleine Gruppe kommt über Selmas Stadtgrenze nicht hinaus. Polizisten und Passanten erwarten sie mit Gewehren, Tränengas, Peitschen und mit Stacheldraht verzierten Baseballschlägern. Erst beim dritten Anlauf gelingt das Unternehmen mit der Unterstützung von Prominenten wie Harry Belafonte und weißer Sympathisanten. Die dumpfen Rassisten haben die Macht der Bilder von Blut und Gewalt in den Medien unterschätzt.
„Selma“ ist eine lehrreiche Kinogeschichtslektion, die nicht auf die drastischen Vorgänge setzt, sondern auf den Diskurs vertraut. Für die dramatische Wirkung muss Lyndon B. Johnson allerdings als wankelmütiger Opportunist herhalten, eine Sicht, die in den Vereinigten Staaten nach dem Kinostart einen vehement geführten Historikerstreit ausgelöst hat. Angesichts der farbigen Polizeiopfer wird 50 Jahre nach der Unterzeichnung des Voting Right Act die geplante Obsoleszenz der Gesetze sichtbar. In einigen Bundesstaaten werden schon wieder Hindernisse bei der Registrierung als Wähler eingeführt. Dieser dramatischen Entwicklung verdankt „Selma“ auch die Oscar-Nominierung als bester Film.
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