Sechs Jahre nach L‘Aquila: Italien setzt auf bebensicheres Bauen

L‘Aquila (APA) - Fast sechs Jahre sind seit der Schreckensnacht am 6. April 2009 vergangen, als die Erde in L‘Aquila scheinbar endlose 38 Se...

L‘Aquila (APA) - Fast sechs Jahre sind seit der Schreckensnacht am 6. April 2009 vergangen, als die Erde in L‘Aquila scheinbar endlose 38 Sekunden lang bebte. Das Hauptbeben hatte eine Stärke von 5,9 auf der Richterskala, zahlreiche Nachbeben erschwerten die Bergungsarbeiten. Zu den 309 Todesopfern zählten auch 50 Studenten aus der Universitätsstadt.

Zum Beispiel der 22-jährige Nicola Bianchi, der in L‘Aquila Biotechnologie studierte. Sein Traum war, sich im Bereich erneuerbarer Energien zu spezialisieren. Nach dem Tod des jungen Mannes hat sein Vater Nicola nicht der Verzweiflung nachgegeben. Zusammen mit anderen Opferangehörigen gründete er den Verband Avus, der sich für die Förderung erdbebensicherer Bauten in Italien einsetzt.

Bianchi hat Mittel für einen Preis gesammelt, der heuer zum zweiten Mal an Studenten verliehen werden soll, die die beste Dissertation zum Thema erdbebensicheres Bauen abliefern. Eine Jury aus Experten, darunter Mitglieder der italienischen Geologenkammer, wird den Gewinner küren. Am 26. März findet im römischen Rathaus die Verleihung statt. Anwesend sind der Bürgermeister von L‘Aquila, Massimo Cialente, sowie Marta Valente, eine ehemalige Studentin, die nach dem Erdbeben 25 Stunden lang unter den Trümmern des Gebäudes, in dem sie wohnte, begraben war, bevor sie gerettet wurde.

„Ziel der Initiative ist, dass sich Universitätsstudenten immer mehr mit dem Thema der Erdbebensicherheit befassen. In Italien befinden sich 29.000 Schulen in erdbebengefährdeten Gebieten. Die Mehrheit wurde noch vor dem Jahr 1974 gebaut, als strengere antiseismische Standards eingeführt wurden“, sagte Michele Orifici, Mitglied des nationalen Rats der italienischen Geologen, im Gespräch mit der APA.

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Das Thema der Sicherheit der Schulen sei besonders aktuell. 20 Unfälle seien zwischen 2012 und Anfang 2015 in Zusammenhang mit Einstürzen in Schulgebäuden gemeldet worden, sieben allein seit Beginn des Jahres 2015.

Orifici begrüßt die Pläne der Regierung Renzi, Investitionen in Milliardenhöhe zur Modernisierung alter Schulgebäude lockerzumachen. Dabei müsse man Erdbebensicherheit berücksichtigen. „In Italien muss man stark in Prävention investieren. Das betrifft nicht nur Erdbeben. In den vergangenen Jahrzehnten ist in unserem Land wild zementiert worden. Jedes Jahr wird eine Fläche von 500 Quadratkilometern zubetoniert. Das entspricht einer Fläche wie jener der Stadt Mailand. Das Zubetonieren sorgt dafür, dass Regenwasser nicht mehr frei in den Boden sickern kann. Bei stärkeren Regenfällen kommt es somit viel schneller zu Überschwemmungen“, erläuterte Orifici.

In der Bevölkerung sei unter dem Druck der vielen Unwetterkatastrophen das Bewusstsein gewachsen, dass Vorbeugung und Umweltschutz prioritär seien. „Heute sind große Bauprojekte zur Ankurbelung der Wirtschaft nicht mehr notwendig, man muss verstärkt auf Requalifizierung setzen. Restaurierung und Anpassung der Gebäude an umweltfreundliche Standards sind wesentliche Schritte für die Zukunft dieses Landes“, sagte Orifici.


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