Hans Raimund 2 - „Für die Germanistik habe ich ohnehin nie existiert“

Wien/St. Pölten (APA) - APA: Welchen Stellenwert hat das Übersetzen aus dem Italienischen, Englischen Französischen in der literarischen Arb...

Wien/St. Pölten (APA) - APA: Welchen Stellenwert hat das Übersetzen aus dem Italienischen, Englischen Französischen in der literarischen Arbeit?

Raimund: Einen wichtigen. Und ebenfalls einen sozialen. Wenn die Autoren, die ich übersetze, am Leben sind, versuche ich einen persönlichen Kontakt herzustellen, wie es z.B. bei Gesualdo Bufalino der Fall war. Wenn jemand Texte von mir übersetzt hat, so zumeist aus Freundschaft. Auch wenn ich als bösartig verschrien bin: Es ist mir unerhört wichtig, Kontakte zu haben. Nur: Ich lasse mir nicht alles gefallen. Und ich habe auch ein entsetzlich blödes, manchmal unbeherrschbares Mundwerk. Das hat mich in den letzten 35 Jahren viel gekostet. Damit hab ich mir vieles verdorben.

APA: Zum Beispiel?

Raimund: Seit ich 2001 in der Jury beim Trakl-Preis den Mund aufmachte, weil ich als Juror und der Dichter, den ich vorgeschlagen hatte, vorsätzlich ungerecht behandelt wurden, sind die Germanisten auf mich bös. Für die Germanistik habe ich ohnehin nie existiert. Und die österreichische Gegenwartsliteratur ist, in meinen Augen, eben ein Produkt der Germanistik. Aber irgendwann kommt man ohnehin in ein Alter, in dem man Preise und Stipendien weder erhält noch erwartet. Nach meinem Trakl-Skandal hab ich noch fünf, sechs Jahre für Staats- und Projektstipendien eingereicht - nichts! Denn in diesen Jurys dominieren die Germanisten. Und wenn man mit denen nicht gut ist, dann geht halt nichts. Mit literarischer Qualität hat das Förderungssystem hierzulande recht wenig zu tun.

APA: Karl-Markus Gauß hat einmal von Raimund als „Musiker unter den österreichischen Lyrikern“ gesprochen...

Raimund: Ja, die Musik war zuerst da. Mit 16 habe ich gewusst, dass aus mir ein großer Dirigent und Komponist werden würde, ich habe auch Musik studiert und abgeschlossen, Konzertfach Klavier, Komposition, Kontrapunkt, Dirigierklasse und so weiter. Ich bin aber dann krank geworden und hatte das dringende Bedürfnis, doch etwas Kreatives weiterzumachen. 1966 habe ich zu schreiben begonnen. Die Musik ist aber weiterhin und bis heute als spontaner Ausdruck meines Wesens präsent. Ein Werk der Kammermusik zu lernen und aufzuführen, bringt unvergleichlich mehr Befriedigung als ein gelungenes Gedicht, weil Musizieren in einer Gemeinschaftsarbeit entsteht, bei der man einander zuhört, Impulse gibt, aufnimmt - auch hier wieder der soziale Aspekt, der mir wichtig ist.

APA: Wie musikalisch wird dadurch die Sprache?

Raimund: Ich bin draufgekommen, dass die einzelnen künstlerischen Disziplinen grundsätzlich miteinander nichts zu tun haben und, miteinander in Beziehung gebracht, einander auch nicht fördern. Ein Schubertlied ist etwas Wunderbares. Die Texte sind sehr schön, gekoppelt mit der Musik sind sie aber in den Hintergrund verbannt. Ich verwehre mich auch dagegen, dass die von mir verwendete Sprache eine vor allem musikalische sei. Ich aktiviere beim Schreiben nicht vorsätzlich meine „Musikdrüsen“. Vielleicht ergibt sich das. Es kann aber schon sein, dass man sich zu sehr auf den Klang verlässt, der einen dann dorthin verführt, wo man gar nicht hin will und hin soll. Das kann passieren...

APA: Ein früherer Gedichtband trägt den Titel „Der lange geduldige Blick“. Was fördert dieser Blick nach Jahrzehnten zutage, sofern ein Zwischenergebnis konstatierbar ist?

Raimund: Es gibt eine Meditationsübung, die darin besteht, immer wieder die gleichen Wege zu gehen und jeden Tag minutiös die Veränderungen wahrzunehmen und festzuhalten. Das Ergebnis des langen geduldigen Blicks ist eine gewisse Erkenntnis, was das Wesen der Dinge und ihre Veränderung angeht. Wirklichkeit geduldig „anschauen“ und die richtige sprachliche Formulierung dafür finden: für beides braucht man Geduld – übrigens etwas, wozu ich mich, als Widder, immer wieder zwingen muss. Aber es kann ja sein, dass ich einmal aufhöre, mich um sprachliche Gestaltung zu bemühen. Ich werde aber dann noch immer gern einen Hund streicheln oder mit meiner Frau streiten oder das Ziehen der Wolken verfolgen. Komisch für mich: Manche können nicht aufhören mit dem, was sie ein Leben lang gemacht haben. Ein Siebzigjähriger, der noch Gedichte schreibt - ist das nicht absurd?

APA: Mayröcker oder Kundera sind immer noch aktiv. Warum macht man doch weiter?

Raimund: Ein Faszinosum der Lyrik besteht für mich darin, dass sie nutzlos ist. Diese sprachlichen Gebilde braucht niemand, will niemand... Es ist ein gewisses wollüstiges masochistisches Vergnügen, wenn einem zehn Zeilen, die man schön findet, gelungen sind. Aber es gibt dann immer wieder auch Texte, die man selbst gar nicht so gut findet, über die jemand sagt, sie hätten ihn besonders berührt. Vielleicht genügt es einfach, die Nichtbeachtung der Lyrik stoisch „auszusitzen“.

(S E R V I C E - Hans Raimund liest aus „Auf einem Teppich aus Luft“ am 13. März um 10.30 Uhr bei der Buchmesse Leipzig, am 5. Mai um 19.00 Uhr in der Buchhandlung Hartlieb, Wien, sowie am 29. und 30. Juni jeweils um 20.00 Uhr in der Alten Schmiede, Wien)

(Das Gespräch führte Ewald Baringer / APA)