Boomendes Business trotz Bossen in Haft: Mexikos Unterwelt im Wandel

Mexiko-Stadt (APA/dpa) - Im Hochsicherheitsgefängnis Altiplano sitzt das Who-is-Who der mexikanischen Unterwelt: Hector Beltran Leyva, Edgar...

Mexiko-Stadt (APA/dpa) - Im Hochsicherheitsgefängnis Altiplano sitzt das Who-is-Who der mexikanischen Unterwelt: Hector Beltran Leyva, Edgar Valdez Villareal, Miguel Angel Felix Gallardo, Omar Trevino Morales und Joaquín „El Chapo“ Guzman - allesamt früher Chefs mächtiger Drogenkartelle. Doch sie sind Vertreter einer Verbrecher-Generation, deren Tage gezählt sind. Mexikos Unterwelt ist im Wandel.

In den vergangenen Jahren sind den mexikanischen Sicherheitskräften spektakuläre Schläge gegen das organisierte Verbrechen gelungen. Zuletzt gingen der Polizei in weniger als einer Woche Servando Gomez alias „La Tuta“ vom Kartell „Caballeros Templarios“ (Tempelritter) und der „Los Zetas“-Anführer Trevino ins Netz.

„Die Festnahmen schaffen ein gutes Bild, aber es ist nicht genug“, sagt der Politikwissenschafter Emilio Vizarretea von der Universität UN in Mexiko-Stadt. „Die organisierte Kriminalität und vor allem der Drogenhandel funktioniert wie ein Unternehmen. Wird einer geschnappt, übernimmt sofort ein anderer.“

Die Festnahmen verändern die Unterwelt, die Sicherheitslage verbessert sich dadurch aber keineswegs. Nach jeder Verhaftung entsteht in den kriminellen Organisationen eine Art Machtvakuum, das erst nach blutigen Verteilungskämpfen wieder gefüllt wird.

„Die Regierung nimmt mehr und mehr Capos (Kartellchefs) fest und die Mafia-Gruppierungen wachsen immer weiter“, sagt der Sicherheitsexperte Edgardo Buscaglia von der Columbia-Universität in New York.

Auf lange Sicht sei es zwar wichtig, die Macht der großen Kartelle zu brechen, um das staatliche Gewaltmonopol wieder herzustellen, schrieb Sicherheitsexperte Alejandro Hope in der Zeitung „El Universal“. Kurzfristig könne sich die Sicherheitslage wegen Auseinandersetzungen zwischen den Splittergruppen allerdings verschlechtern.

Während die traditionellen Kartelle schwere Verluste verzeichneten, haben sich neue Banden in der Unterwelt positioniert. Bekanntestes Beispiel sind die „Guerreros Unidos“ (Vereinigte Krieger), denen die Tötung von 43 Studenten im vergangenen Jahr im Westen des Landes vorgeworfen wird.

Die Gang wurde einst als bewaffneter Arm des Drogenkartells „Beltran Leyva“ (dessen namengebender Boss nun einsitzt) gegründet und spaltete sich 2011 von den früheren Auftraggebern ab. Jetzt ringt sie im Bundesstaat Guerrero mit der rivalisierenden Bande „Los Rojos“ (Die Roten) um die Kontrolle des Marihuana-Anbaus.

Die Emporkömmlinge sind im Gegensatz zu den Großkartellen meist auf einzelne kriminelle Geschäftszweige spezialisiert. Häufig handelt es sich bei den neuen Banden um ehemalige Gruppen von Auftragskillern der traditionellen Drogenkartelle. Wenn ihre Auftraggeber schwächeln, fangen die sogenannten Sicarios an, auf eigene Rechnung Geschäfte zu machen.

So mischen mittlerweile auch das Cartel Jalisco Nueva Generacion, La Linea und Los Aztecas im Drogengeschäft mit - genauso brutal. Da über ihre Anführer oft so gut wie nichts bekannt ist und sie eher regional operieren, sind sie allerdings deutlich schwerer zu bekämpfen.

Hinzu kommt, dass die mexikanischen Banden ihre kriminellen Geschäfte immer weiter diversifiziert haben. Der Drogenhandel ist nur noch ein Teil ihres Portfolios. Die Kartelle sind in Menschenhandel und illegalen Rohstoffabbau, Produktpiraterie und Treibstoffdiebstahl, Prostitution und Waffenschiebereien verstrickt.

Außerdem haben sie längst die reguläre Wirtschaft infiltriert. 2012 war bekannt geworden, dass die Großbank HSBC für mexikanische Kartelle Drogengeld gewaschen haben soll. In den USA zahlte sie deshalb eine Milliardenstrafe. Heute dürften andere Institute diesen Job machen.

Politikwissenschafter Vizarretea wirbt deshalb dafür, bei der Verbrechensbekämpfung künftig stärker die logistischen und finanziellen Strukturen der Kartelle ins Visier zu nehmen. Außerdem müssten die oft korrupten Sicherheitskräfte neu aufgestellt werden.

„Der mexikanische Staat ist gut darin, Capos zu jagen, aber weiterhin sehr schlecht darin, seinen Sicherheitsapparat zu reformieren“, schrieb Sicherheitsexperte Hope. „Angesichts der Entwicklung der kriminellen Unterwelt sollte das aber in Zukunft Priorität haben.“


Kommentieren