Vier Jahre nach Fukushima: Fast 100.000 leben noch in Containern

Vier Jahre ist es her, dass ein gewaltiger Tsunami in Folge eines schweren Erdbebens weite Gebiete im Nordosten Japans verwüstete. Doch der Wiederaufbau der Region kommt nur quälend langsam voran. Weiterhin leiden Tausende von Menschen unter der Entwurzelung.

Ein Mann steht auf dem freigelegten Keller eines Hauses in der Stadt Namie, fünf Kilometer vom Kraftwerk Fukushima entfernt. Große Teile sind für die Öffentlichkeit immer noch unzugänglich.
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Von Lars Nicolaysen, dpa

Fukushima - Um die Wohncontainer weht ein eiskalter Wind. Auf den Dächern der Barackensiedlung in der Stadt Aizu Wakamatsu türmt sich der Schnee einen Meter hoch. „Ich habe mich an den vielen Schnee gewöhnt. Das kannten wir bei uns zu Hause am Strand nicht. Aber ich lebe ja nun schon vier Jahre hier“, erzählt Jin Kowata. In sein Haus in Okumamachi in unmittelbarer Nähe des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi werde er nie mehr zurückkehren. Als es dort am 11. März 2011 in Folge eines Erdbebens der Stärke 9,0 und eines gewaltigen Tsunamis zum bisher schlimmsten Atomunfall seit Tschernobyl kam, musste Kowata mit Zehntausenden anderen fliehen. Im 90 Kilometer entfernten Aizu Wakamatsu fühlt er sich relativ sicher. „Ich werde mich wohl hier niederlassen“. Doch bis er ein neues Zuhause hat, dauert es noch.

93.000 Menschen in Containern

Heute, vier Jahre nach der Dreifach-Katastrophe in der nordöstlichen Region Tohoku, leben noch immer rund 93.000 Menschen in containerähnlichen Behelfsunterkünften. Sie sind wie Kowata aus Angst vor der Strahlung geflohen, andere sind Überlebende des mörderischen Tsunamis, der damals in den am schwersten betroffenen Provinzen Miyagi, Iwate und Fukushima fast 19 000 Menschen in den Tod riss und mehr als eine Million Gebäude teils völlig zerstörte. Etwa weitere 3000 Menschen sollen bereits an den gesundheitlichen Folgen des jahrelangen Lebens in den provisorischen Behelfsunterkünften gestorben sein - oder Selbstmord begangen haben. Derweil haben Zehntausende die Region inzwischen verlassen, wohl für immer.

Wenn kurz nach dem 4. Jahrestag der Dreifach-Katastrophe die Delegierten einer UN-Weltkonferenz zur Reduzierung von Katastrophenrisiken in Tohokus größter Stadt Sendai zusammenkommen, werden sie entlang der Pazifikküste große Flächen brachliegenden Landes vorfinden. Die gewaltigen Trümmerberge sind zwar beseitigt. Der Wiederaufbau der Tsunami-Region aber kommt nur schleppend voran.

Arbeiter bei der Dekontamination der Fukushima-Umgebung.
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Sollen Ortschaften verlassen bleiben?

Am Geld liegt es nicht. Nur 40 Prozent der vom Staat bisher für Wiederaufbau-Projekte bereitgestellten Gelder wurden nach amtlichen Angaben auch tatsächlich ausgegeben. Der Rest wurde unter anderem deswegen nicht genutzt, weil viele Städte und Dörfer in der Region weiter darüber debattieren, ob sie ihre früheren Gemeinden aufgeben und weg vom Meer ziehen oder gigantische Betonschutzwälle errichten. Die Regierung des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Shinzo Abe behauptet, die Mauern seien nötig. Allein Miyagis 830 Kilometer lange Küste soll zu rund 30 Prozent mit Beton abgeschirmt werden. Doch Kritiker halten „Japans große Mauer“ für höchst zweifelhaft.

Kritiker befürchten nicht nur eine irrsinnige Verschandelung der Landschaft und Zerstörung der Natur. Sie warnen auch vor einem trügerischen Sicherheitsgefühl durch die geplanten Betonbollwerke. Zwar gibt es Beispiele, wo bei der Tsunami-Katastrophe von vor vier Jahren bereits zuvor betonierte Küstenschutzwälle Menschenleben gerettet haben. In anderen Fällen aber kamen Menschen gerade deswegen ums Leben, weil sie nicht rechtzeitig flüchteten, sondern sich auf die Schutzmauern verließen, die aber dem Tsunami nicht standhielten.

Hinterbliebene beten in den Ruinen ihres Büros in der Stadt Namie für ihre getöteten Arbeitskollegen.
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Nur die Alten bleiben zurück

Von Seiten vieler Regionalregierungen wird der Bau der Betonwände jedoch als Bedingung angeführt, bevor mit dem Wiederaufbau begonnen werden könne. Neben diesem Dilemma kosten auch die langwierigen Verhandlungen mit den Landbesitzern sowie die bürokratischen Abläufe bei der Erschließung von Waldflächen oder dem Neubau großer Gebäude wertvolle Zeit. Im Falle Fukushimas kommt außerdem noch die großflächig vom Staat angelegte Dekontaminierung der verstrahlten Gebiete hinzu, die ebenfalls nur schleppend vorankommt. Immer mehr Menschen geben die Hoffnung auf und kehren der Region den Rücken.

Zurück bleiben die Alten. „Ich habe niemandem, mit dem ich mich unterhalten kann. Es ist traurig, aber was soll man machen“, schilderte eine 80-Jährige in der Lokalzeitung „Kahoku Shimpo“. Sie lebt auch nach vier Jahren weiter in einer der containerähnlichen Behelfsunterkünfte in der in Miyagi liegenden Stadt Iwanuma. Ihr Haus fiel dem Tsunami zum Opfer, ihr Mann kam ums Leben. Die Familie ihres Sohnes, mit der sie früher zusammenlebte, ist in eine Wohnung in der Innenstadt gezogen. Iwanuma gilt als positives Beispiel, wo der Wiederaufbau weiter weg von der Küste relativ zügig vorankommt.

Doch die 80-Jährige zögert, auch aus Sorge vor der Miete. Andererseits fehle ihr die Kraft, ein neues Haus zu bauen. Sie werde ihr weiteres Schicksal ihrem Sohn überlassen, sagt die Japanerin resigniert. Was viele Opfer in den engen Containerbehausungen nach vier Jahren mit am meisten quält, ist die Angst, vergessen zu werden.

Die Katastrophe von Fukushima in Zahlen

9,0 erreichte das Beben auf der Richterskala. Damit war es das schwerste in Japans bisheriger Geschichte.

Bis zu 30 Meter hoch war der Tsunami, der mehr als 260 Küstenstädte verwüstete.

40 Jahre kann es nach Angaben des Fukushima-Betreibers Tepco dauern, bis das Kraftwerk endgültig gesichert ist.

11.500 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser wurden ins Meer geleitet.

19.000 Menschen kamen durch die Flutwelleums Leben oder werden bis heute vermisst.

Eine Million Häuser wurden komplett zerstört oder beschädigt.


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