Verstörend wie ein Verbrechen

Ein Mord steht zu Beginn der Drama-Serie „American Crime“, mehr als die brutale Tat wird darin Nordamerikas Gesellschaft seziert.

© ABC

Innsbruck –Barb Skokie, famos gespielt von Felicity Huffman aus „Desperate Housewives“, ist unversöhnlich. Ihr Sohn wurde brutal ermordet, die vergewaltigte Schwiegertochter liegt im Koma. Vielleicht steht Skokie unter Schock, vielleicht aber ist bei all der Bitterkeit kein Platz mehr für Trauer. Kaum wird der erste Verdächtige verhaftet, macht sie sich Sorgen, ob es nicht allzu lange dauert, bis die Todesstrafe vollstreckt wird.

Nichts als Hass hat sie auch für ihren Ex-Mann Russ Skokie (Timothy Hutton) übrig. Wegen seiner Spielsucht musste sie einst die beiden Söhne alleine im sozialen Wohnbau aufziehen, angefeindet und umringt von Gewalt und Kriminalität. Den Medien präsentiert sie die Geschichte eines von einem „Illegalen“ getöteten Kriegshelden, diese Version wird aber nicht lange halten. Denn im Haus des Opfers stellt die Polizei größere Mengen an Suchtmitteln sicher. Der Ermordete, ein Drogendealer? Ein Schock für den Vater, der zwischen Schmerz und Selbstmitleid hin- und hergerissen ist. Ein aussichtsloser Kampf wird auch andernorts geführt. Die Verdächtigen, vorderhand ausschließlich mit afro- oder lateinamerikanischem Background, sind freilich nicht so schlecht, wie Barb Skokie das gerne hätte. Obwohl Liebe auch hier kaum mehr als ein Drogenrausch zu sein scheint.

Die vorerst auf elf Episoden angesetzte Drama-Serie von Drehbuchautor und Oscar-Preisträger John Ridley („Twelve Years a Slave“) führt mitten ins Herz einer US-amerikanischen Finsternis. In der kalifornischen Stadt Modesto regieren Vorurteile, Rassismus, Polizeigewalt, Drogen und Kriminalität. Schonungslos auch die Ästhetik der Pilotfolge: Während manche Einstellungen unerbittlich lange gehalten werden, wird anderswo scheinbar willkürlich geschnitten. Diese „Jump Cuts“ werden von Dialogen, die losgelöst von einer Einstellung scheinen, zusammengehalten.

Die vom US-Sender ABC produzierte Serie, die heute auf dem Bezahlsender Sky (21.50 Uhr auf 13th Street sowie zum Abruf auf Sky Go) anläuft, liefert ein verstörendes Porträt einer auf Ungleichheit beruhenden Gesellschaft. Kein Wunder, dass die Einschaltquoten trotz hervorragender Kritiken verhalten ausgefallen sind. „American Crime“ hält den Finger mitten in die Wunde. (sire)

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