Deutsche Studie: Zustimmung zu rechtsextremen Äußerungen rückläufig

Leipzig (APA) - Auf den ersten Blick wirken die Ergebnisse der jüngsten „Mitte“-Studie an der Universität Leipzig beruhigend: Die Zustimmung...

Leipzig (APA) - Auf den ersten Blick wirken die Ergebnisse der jüngsten „Mitte“-Studie an der Universität Leipzig beruhigend: Die Zustimmung zu rechtsextremen Äußerungen in der deutschen Gesellschaft ist gegenüber früheren Untersuchungen deutlich gesunken. Allerdings ist demnach noch immer jeder fünfte Deutsche ausländerfeindlich eingestellt.

13,6 Prozent stimmen chauvinistischen Aussagen zu, fünf Prozent sind laut der 2014 durchgeführten Studie antisemitisch. „Der Antisemitismus, durch Staatsräson gebändigt, ist relativ gering“, sagt einer der Verfasser der Studie, der emeritierte Mediziner an der Uni Leipzig, Elmar Brähler, im Gespräch mit der APA. „Die Werte sind wesentlich besser als in Österreich. Die Höhe dort erschreckt mich jedes Mal.“ Frage man allerdings den „sekundären Antisemitismus“ (Kritik an Israel, Schlussstrichforderungen) ab, würden die Werte höher, so der Wissenschafter.

Die „Mitte“-Studien zur Untersuchung rechtsextremer Einstellungen werden seit 2002 im Zweijahresrhythmus durchgeführt. Den Ergebnissen folgend ist der Anteil derjenigen, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben, in ganz Deutschland von 9,7 Prozent im Jahr 2002 auf 5,6 Prozent zwölf Jahre später klar zurückgegangen.

Salonfähig sei in Deutschland hingegen der Anti-Islamismus, laut Brähler eindeutig seit dem Erscheinen der umstrittenen Bücher des früheren SPD-Politikers Thilo Sarrazin. Die Islamfeindlichkeit habe die Araberfeindlichkeit in Deutschland abgelöst. Neue Entwicklungen wie die Methoden des IS wären da Sand auf die Mühlen, sagt Brähler. „Dabei sind Köpfungen in Saudi-Arabien schon lange auf der Tagesordnung, aber die sind unsere Partner und Abnehmer von Rüstungsgütern.“

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Der Wissenschafter bezieht sich auf eine „Kontakthypothese“ angesichts des Untersuchungsergebnisses, dass Ausländerfeindlichkeit nur dort hoch geblieben sei, wo es kaum Ausländer gibt. Das betreffe insbesondere das Gebiet der ehemaligen DDR, wo lediglich einige Vietnamesen und die nicht integrierten sowjetischen Besatzungssoldaten als Ausländer erlebt worden wären. Bezüge zu Menschen mit ausländischen Wurzeln aufgrund von Beruf, Familie oder Nachbarschaft wären im Westen Deutschlands größer. Auch in der Einstellung zu gelebter Demokratie sei große Unzufriedenheit im Osten zu verzeichnen.

„Rechtsextreme Einstellungen wurzeln tief, auch in den Familien“, sagt Brähler zur APA. „In der Meinung über Sinti und Roma hat man nahtlos angeknüpft an alte Muster.“ Die Abneigung gegen sie sei „fulminant angestiegen“. Bezugnehmend auf die Pegida-Bewegungen in Sachsen bezeichnete es der Wissenschafter als „schon pikant“, dass man just „im gottlosesten Land der Erde mit 80 Prozent Religionslosen“ das christliche Abendland retten wolle.

Die Aufmärsche selbst hätten ihn nicht überrascht, sagt Brähler. „Die Einstellungen sind schon lange da und haben sich jetzt Bahn gebrochen. Darum tun sich auch die Politiker so schwer damit.“ Die Anhänger kämen aus der Mitte der Gesellschaft und zählten, anders als das NPD-Gefolge, nicht zu den Armen. Bei den Wählern der rechtspopulistischen AfD sei zudem der Bildungsgrad nicht auffällig niedrig, wie dies etwa bei Wählern von SPD, Linken und NPD zu bemerken sei. Elmar Brähler hält auch gegen manche Meinung, dass es lediglich um „ein paar NPD-Abgeordnete“ gehe: „Das Problem ist größer“, sagt er.


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