„Big Brother“-Erfinder John de Mol geht zurück in die „Garage“
Amsterdam (APA/dpa) - Als John de Mol (59) wach wurde, blickte er in eine rosige Zukunft. „Ich wusste“, so erzählte er munter am vergangenen...
Amsterdam (APA/dpa) - Als John de Mol (59) wach wurde, blickte er in eine rosige Zukunft. „Ich wusste“, so erzählte er munter am vergangenen Donnerstag, „heute beginnt ein neuer Lebensabschnitt“. An diesem Tag machte der Niederländer den Verkauf seiner TV-Firma Talpa an den britischen Medienkonzern ITV perfekt. Die Zukunft wird durch mindestens 500 Millionen Euro vergoldet.
Das Geld sagt ihm nicht so viel, sagte der Bruder von TV-Star Linda de Mol (50). Das ist kein falsches Understatement. De Mol ist bereits lange Milliardär, sein Name weltweit ein Begriff für spektakuläre Shows und Programme. Doch er selbst lebt zurückgezogen im Promi-Städtchen Laren bei Amsterdam. Auf Partys oder in den Klatschspalten taucht er selten auf. Der einzige sichtbare Beweis von Eitelkeit war die Operation seiner tiefen Augenringe.
John de Mol hat eine Revolution der Fernsehunterhaltung in Gang gesetzt, und die begann in einer umgebauten Garage. Als aus dem Traum einer Karriere als Profifußballer nichts wurde, richtete er seinen Ehrgeiz auf Radio und Fernsehen. Schon sein Vater war im Musikgeschäft und leitete einen Radiosender.
Mit 23 Jahren kündigte John zum Entsetzen seiner Mutter die sichere Stellung beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und machte sich selbstständig. Inzwischen war er mit der zehn Jahre älteren populären Schlagersängerin Willeke Alberti verheiratet. Mit ihr bekam er einen Sohn, Johnny Jr. ist heute ein TV-Star in den Niederlanden. Die Ehe ging nach zehn Jahren in die Brüche.
Finanziell war der dunkelhaarige attraktive Niederländer zunächst wenig erfolgreich. Doch dann stieg in den 80er Jahren die Nachfrage der neuen Privatsender in Europa nach Programmen. John de Mol produzierte eine Musikshow für Sky mit seiner kleinen Schwester Linda als Moderatorin. Der Durchbruch kam mit der Ärzte-Soap „Medisch-Centrum West“, ein Straßenfeger in den Niederlanden.
1994 tat er sich mit dem anderen großen Medienmann der Niederlande, Joop van den Ende, zusammen. Ihre Firma Endemol brachte fünf Jahre später die Reality-Soap „Big Brother“ auf die Bildschirme. Die Containershow wurde ein Welt-Hit und Endemol ein Jahr später an den spanischen Telekomkonzern Telefonica für 5,5 Milliarden Euro verkauft - John de Mol war Milliardär.
Nun wurde Talpa (lateinisch für Maulwurf, niederländisch Mol) seine Ideenfabrik. Den Privatsender SBS6, der ihm zu einem Drittel gehört, nutzte er als perfektes Schaufenster. „Aus 15 von 20 Ideen wird nichts“, bekannte er freimütig. Doch erneut kam er mit Erfolgsformaten wie die Talent-Show „The Voice“ oder die neueste „Big Brother“-Variante „Utopia“, die gerade bei Sat.1 als „Newtopia“ angelaufen ist.
Trotz der Traumquoten mäkelt die Kritik seit Jahren über geschmackloses oder plattes Fernsehen. Wie von der Tarantel gestochen kann der Medientycoon auf solche „elitären“ Vorwürfe, wie er sagt, reagieren. „Ich will unterhalten.“ Dabei sucht er inhaltlich die Grenzen auf, will alle technischen Möglichkeiten nutzen und die neuen Medien optimal mit den alten verknüpfen.
Doch der Unternehmer musste auch bittere Niederlagen einstecken. Sein eigener TV-Sender Tien floppte. Zuvor war er bereits mit dem Sender Sport7 gescheitert.
De Mol ist Workaholic und Perfektionist, stöhnen Mitarbeiter. Das hat seinen Preis, stellte er selbst fest. „Ich war eigentlich nur noch auf Sitzungen mit grauen Männern in Anzügen mit Rechenmaschinen“. Im vergangenen Jahr musste er wegen Erschöpfung ins Krankenhaus eingeliefert werden. „Dort fiel der Groschen.“ Er beschloss, Talpa zu verkaufen.
Auch die jüngste Erpressungsaffäre hat ihn mitgenommen. Ein 70-jähriger Niederländer hatte ihn und seine Schwester Linda in Briefen über ein Jahr lang bedroht.
Jetzt will er nur noch das tun, was ihm Spaß macht. „Mit ein paar jungen kreativen Leuten neue Programme ausdenken.“
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