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„Reisende in Sachen Relativität“: Rumpls Roman über Erwin Schrödinger

Wien (APA) - Von Kurt Gödel war zuletzt in Literatur und Theater einiges zu erfahren - in Daniel Kehlmanns Stück „Geister in Princeton“ wie ...

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Wien (APA) - Von Kurt Gödel war zuletzt in Literatur und Theater einiges zu erfahren - in Daniel Kehlmanns Stück „Geister in Princeton“ wie in Yannick Grannecs Roman „Die Göttin der kleinen Siege“. Nun ist sein Kollege Erwin Schrödinger (1887-1961) an der Reihe. Das Leben des Physik-Nobelpreisträgers wird von Manfred Rumpl im Roman „Reisende in Sachen Relativität“ nacherzählt. Am Donnerstag ist Präsentation.

Der Wiener Schrödinger, einer der Wegbereiter der Quantenphysik, hatte den Österreichern vor der Euro-Einführung viel Freude bereitet, zierte sein Konterfei doch die Tausend-Schilling-Banknote. Auch seine bis zur konkreten Messung gleichzeitig tote und lebendige Katze ist schon fast sprichwörtlich geworden, obwohl sein Gedankenexperiment zur Übertragung quantenmechanischer Begriffe auf die Alltagswelt für die meisten nur schwer nachzuvollziehen bleibt.

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Schrödingers Katze bzw. ihren Vorformen in der Fantasie des auf der Suche nach der alles erklärenden Weltformel mit den Größen seiner Zeit wetteifernden Wissenschafters begegnet man auch im Roman des 1960 geborenen Steirers, der sich zuletzt in „Ein Echo jener Zeit“ mit dem Leben einer anderen historischen Person, nämlich dem ehemaligen SS-Hauptsturmführer Alois Brunner, beschäftigt hat. Doch die Versuche, die Ideen und Gedankengänge des genialen Physikers transparent zu machen, zählen nicht zu den stärksten Passagen in dem Buch, das sich über weite Strecken an die offizielle Biografie hält, im zeitlichen Hin- und Herspringen und im ständigen Schauplatzwechsel zwischen Wien und Graz, Arosa und Zürich, Oxford, Princeton und Dublin jedoch mitunter etwas mühsam zu lesen ist.

Was Rumpl aber gut gelingt, ist, die nonkonformistische Persönlichkeit des Wissenschafters herauszuarbeiten. Denn das Leben Schrödingers verlief auch abseits der Abgründe, die er in seinem eigenen Gehirn auszumessen versuchte, überaus turbulent und abseits jeglicher Konventionen. So wie er für sein Denken keine Grenzen akzeptierte, ließ er sich auch in seinem Liebesleben nicht von gesellschaftlichen Regeln oder Ehegesetzen beschränken. Dabei ist „Reisende in Sachen Relativität“ keineswegs voyeuristisch angelegt und stilisiert den Physiker auch nicht als Erotomanen oder Herzensbrecher, sondern beschreibt ihn als tief verzweifelten Suchenden, der eben nach Halt griff, wo er ihn bekam.

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Dass seine Frau Anny einverstanden war, mit ihm eine offene Ehe zu führen und schließlich jahrelang mit Maya, die von Schrödinger eine Tochter bekam, in einer freundschaftlichen Dreierbeziehung lebte, war wohl sein Lebensglück. Dass der Starphysiker um diese ungewöhnliche Konstellation auch kein Geheimnis machen wollte, erwies sich allerdings mehr als einmal als Hindernis im Wissenschaftsbetrieb, der der physikalischen Theorie gegenüber deutlich aufgeschlossener war als der Lebenspraxis. Abseits des Privaten hatte auch Schrödinger selbst Probleme damit: ein anbiedernder Leserbrief, mit dem er sich in Graz die Duldung der Nazis erkaufen wollte, erwies sich als Rohrkrepierer, die allzu stürmische Unterstützung der späten Arbeiten Albert Einsteins an einer „Theorie von Allem“ führte zum Bruch einer langjährigen Freundschaft.

Der Zweite Weltkrieg, die enge Verstrickung vieler seiner Kollegen in die Entwicklung der Atombombe, kommt in dem Roman nur am Rande vor. Wie übrigens auch Kurt Gödel. In Princeton taucht der von Wahnvorstellungen Geplagte als Gast von Schrödingers Abschiedsparty auf, „blass, dünnhäutig und so leicht, als würde nur der Drink in seiner Hand verhindern, dass er sich in Luft erhob“. Am Ende ist auch Schrödinger als Patient der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie (der „Klinik Hoff“) kaum mehr von dieser Welt. Sein letzter Wunsch, auf dem Friedhof im Tiroler Alpbach beigesetzt zu werden, scheitert dann beinahe am Widerstand des örtlichen Pfarrers. Auf seinem Grabkreuz ist die Schrödingergleichung geschrieben. Statt Katzen sollen allerdings Rehe gelegentlich vorbeischauen...

(S E R V I C E - Manfred Rumpl: „Reisende in Sachen Relativität“, Picus Verlag, 290 S., 22,90 Euro, Buchpräsentation: 19. März, 19 Uhr, Buchhandlung Orlando, Wien 9, Liechtensteinstraße 17)


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