Über 1000 bei Marsch zum Waffen-SS-Gedenken in Riga

Riga (APA/AFP) - Mehr als 1.000 Menschen haben am Montag in der lettischen Hauptstadt Riga am traditionellen Gedenkmarsch an die Mitglieder ...

Riga (APA/AFP) - Mehr als 1.000 Menschen haben am Montag in der lettischen Hauptstadt Riga am traditionellen Gedenkmarsch an die Mitglieder der Waffen-SS teilgenommen. Der „Tag der Legion“ (16. März) ist in Lettland inoffizieller Feiertag. Die Veranstaltung verlief nach Polizeiangaben „weitgehend ruhig“. Laut Medienberichten gab es vorübergehende Festnahmen von einzelnen Gegendemonstranten.

Die verschiedenen Kundgebungen und Aktionen waren von einem starken Polizeiaufgebot begleitet. Außer dem traditionellen Marsch mit Standarten und Blumenkränzen zum Freiheitsdenkmal und einer im Anschluss dort veranstalteten, wesentlich kleineren Gegendemo versammelten sich verschiedene Gruppen vor der russischen und vor der deutschen Botschaft, um an die jeweiligen Okkupationen durch deutsche und sowjetische Truppen zu erinnern.

Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Zentrum zur Verfolgung von Nazis sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Parade sei „eine große Lüge“ und eine „Verzerrung der Geschichte“. In der Vergangenheit hatte es bei dem Gedenkmarsch immer wieder auch gewaltsame Zwischenfälle zwischen lettischen „Patrioten“ und radikalen, zumeist pro-russischen Gegendemonstranten gegeben. Dieses Jahr genehmigte die Stadtverwaltung von Riga von vornherein sämtliche Kundgebungen beider Seiten.

Estland, Lettland und Litauen auf der einen Seite und Moskau auf der anderen beschuldigen sich seit einem Vierteljahrhundert im Zusammenhang mit den historischen Ereignissen im Baltikum vor rund 70 Jahren der Geschichtsfälschung. Als einzige Baltenrepublik hat bisher Lettland einen Versuch unternommen, dieses heikle Kapitel Geschichte in einer bilateralen Historikerkommission mit Russland gemeinsam aufzuarbeiten.

Die 2011 auf Initiative des damaligen lettischen Staatspräsidenten Valdis Zatlers ins Leben gerufene Kommission wurde 2014 aus Protest gegen die Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt von Lettland auf Eis gelegt.

Seit der Unabhängigkeit Lettlands 1991 gedenken Veteranen der Lettischen Legion jedes Jahr am 16. März einer Schlacht gegen die Rote Armee 1944, bei der die Legion vergeblich versuchte, den Vormarsch der Sowjettruppen aufzuhalten. Die russische Minderheit und die jüdische Gemeinde kritisieren die Gedenkfeier, da die Lettische Legion Teil der deutschen Waffen-SS war. Die Veteranen dagegen betonen, dass der 1943 gegründete Truppenverband ihre Heimat gegen die erneute Besetzung durch die Russen verteidigte.

Die Sowjetunion hatte Lettland 1939 im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts besetzt, mit dem Osteuropa zwischen Berlin und Moskau aufgeteilt wurde. Rund 15.000 Letten wurden nach Sibirien deportiert. Als deutsche Truppen im Zuge des Einmarschs in die Sowjetunion 1941 auch Lettland eroberten, wurde die Wehrmacht von Teilen der Bevölkerung als Befreier gefeiert. Die deutschen Besatzer ermordeten jedoch 70.000 der 85.000 Juden des Landes. Im Oktober 1944 eroberte die Rote Armee Riga zurück. Bis 1991 blieb Lettland Teil der Sowjetunion.