Gehörlos in der besten aller Welten
Mit Éric Lartigaus „Verstehen Sie die Béliers“ erreicht uns eine weitere französische Blockbusterkomödie, die Tabus bricht und Rührung erzeugt.
Innsbruck –Für Gigi (Karin Viard) wurde die Geburt ihrer Tochter zu einem traumatischen Erlebnis, als sie erfahren musste, ein gesundes Kind zur Welt gebracht zu haben. Sechzehn Jahre später werden die schlimmsten Befürchtungen zur Gewissheit, denn trotz aller Bemühungen, dieses Defizit vor dem Kind zu verbergen, verfügt Paula (Louane Emera) über eine besondere Begabung, wegen der sie demnächst den elterlichen Bauernhof verlassen und in Paris eine Gesangsausbildung beginnen wird. Éric Lartigaus Film „Verstehen Sie die Béliers“ entwickelt die Komik aus der Umkehrung der Welt, die aus der Perspektive einer gehörlosen Familie (Originaltitel „La Famille Bélier“) wahrgenommen wird. Dabei sind es natürlich die Béliers, die übermütig in der besten aller Welten leben.
Wenn Paula in die Schule kommt, hat sie bereits einen Arbeitstag hinter sich, doch die Ursache für mangelnde Konzentration und Müdigkeit verbirgt sie schamhaft. Niemand soll wissen, dass sie aus einer „Handicap“-Familie kommt. Damit dokumentiert der Film zwar die hermetische Welt, die Gigi und Rodolphe (François Damiens) um ihre Tochter errichtet haben, übersieht aber augenzwinkernd die kleine Welt eines Dorfes, in dem nichts verborgen bleibt, zumal die Béliers auf dem Markt so etwas wie eine Attraktion darstellen und Rodolphe sogar die Funktion des Bürgermeisters anstrebt, um der zunehmenden Verbauung der landwirtschaftlichen Nutzflächen entgegen zu treten. Egal, die Dinge beginnen sich ohnehin mit der Ankunft eines Gastschülers zu ändern. Für Gabriel (Ilian Bergala) meldet sich die schüchterne Paula zum Schulchor, in dem sie Monsieur Thomasson (Éric Elmosnino, „Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte“) bei der ersten Probe als außergewöhnliche Sängerin auffällt. Nun lebt auch der Musiklehrer hinter einem Bühnenvorhang aus Tragik, die er mit einem unergründlichen Faible für Michel Sardou kompensiert. Einst zu Höherem berufen, wurde Thomasson in die Provinz verbannt, die Entdeckung einer großen Stimme könnte allerdings das Blatt wenden und für die Entbehrungen der letzten Jahre entschädigen.
Die Franzosen brachten zuletzt „Verstehen Sie die Béliers“ an den Kinokassen eine ähnliche Wertschätzung entgegen wie zuvor den Blockbusterkomödien „Ziemlich beste Freunde“ oder „Monsieur Claude und seine Töchter“, wobei diese Erfolgsfilme jeweils dem Kalkül folgen, angeblichen Tabuthemen mit französischer Frivolität zu begegnen. Die treibt vor allem Karin Viard auf die Spitze. Bei ihr wird die Gebärdensprache zur derben Pantomime, die nur selten übersetzt werden muss, vor allem, wenn sie sich wegen einer vaginalen Pilzinfektion gegen die Zudringlichkeiten ihres Ehemannes Rodolphe wehren muss. Aber letztlich fügt sich auch bei den Béliers das Leben zu einem Chanson. Mit Michel Sardous Lied „Je vole“ auf den Lippen fliegt Paula davon und bei allen Beteiligten auf und vor der Leinwand können die Tränen fließen. (p. a.)
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