Wissen für Sieg 2 - „Saat und „Boden“ - Immunologie im Vormarsch
Wien (APA) - Was die Suche nach besseren Ansätzen für die Therapie von Krebserkrankungen noch komplexer macht, ist das Faktum, dass bösartig...
Wien (APA) - Was die Suche nach besseren Ansätzen für die Therapie von Krebserkrankungen noch komplexer macht, ist das Faktum, dass bösartige Zellen und Tumore nicht „für sich allein“ existieren, sondern in Abhängigkeit ihres Umfeldes im Gewebe. Und schließlich verbergen sie sich oder behindern das Immunsystem daran, eine entsprechende Abwehrreaktion zu starten.
Untersuchungen der österreichischen Studiengruppe für Brust- und Dickdarmkrebs (ABCSG), die schon vor Jahren international für Aufsehen gesorgt haben, belegen, dass beispielsweise bestimmte Osteoporosemedikamente (Bisphosphonate) bei Patientinnen mit Brustkrebs Rückfälle verhindern. Der Chef des ÖAW-Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien, Josef Penninger, bestätigte Montagabend dies mit einem anderen Osteoporosetherapie-Wirkprinzip, dem monoklonalen Antikörper Denosumab. Penninger hat ehemals mit Grundlagenforschung in Kanada den Anstoß für diese Entwicklung gegeben: „Es gibt Studiendaten, bei Prostatakrebs, dass man damit die erste Metastasierung (Bildung von Tochtergeschwülsten; Anm.) verzögern kann.“
Das führt zu dem Konzept von „Seed and Soil“ („Saat und Boden“; Übers.). Im Laufe der Metastasierung gelangen demnach bösartige Zellen in den Blutkreislauf und warten darauf, sich an für ihr Überleben geeigneten Stellen im Körper anderswo anzusiedeln. Denosumab hemmt spezifisch das Protein RANKL. Penninger: „RANKL sagt den (bösartigen; Anm.) Zellen (im Blut; Anm.): ‚Bitte kommt‘s rein‘.“ Zumeist macht erst die Ausbildung von Tochtergeschwülsten eine Krebserkrankung unheilbar.
Am IMBA in Wien wurde jedenfalls eine Technik entwickelt, mit der man besonders schnell die Funktionsanalyse der Gene von Zellen durchführen kann. Vor einigen Jahren gelang es, Stammzellen mit nur einem Chromosomensatz (haploide Zellen) zu züchten. Das führt dazu, dass man die Funktion von Genen ohne die störende Ausgleichswirkung bei Mutationen durch den zweiten Chromosomensatz untersuchen kann. Penninger und sein Team untersuchen derzeit zum Beispiel auf diese Weise die Ursache für die Wirkung des weltweit meistverwendeten Malariamittels (Artemisinin) auf genetischer Ebene.
Gleichzeitig kehrt die Immunologie in die Krebsmedizin als nunmehr wirklich Erfolg versprechende Strategie zurück. Am Wochenende wurden die US-Amerikaner James P. Allison (66) und Carl H. June (61) mit dem deutschen Paul-Ehrlich-Preis (insgesamt 100.000 Euro) geehrt. Allison hat die „Checkpoint-Hemmung“ zur Behandlung von schwarzem Hautkrebs (Melanom) entwickelt, June die „CART-19-Therapie“ gegen Leukämie. Beide Verfahren werden bereits klinisch eingesetzt. Das Fördern der Immunantwort gegen Tumorzellen und das Beseitigen aller „Bremsen“ für Immunzellen beim Angriff auf den Krebs bezeichneten Penninger und Zielinski Montagabend als zukunftsweisend.
Wie sehr die Molekularbiologie die von den Vertretern anderer medizinischer Fachbereiche oft als „künstlerisch“ oder „handwerklich“ bezeichneten Chirurgie zu beeinflussen beginnt, darüber diskutierten am Dienstag auch Experten beim „2. Wiener Brustkrebs-Chirurgie-Tag“ in Wien. Chirurgie, Onkologie und Grundlagenforschung (z.B. Molekularbiologie) müssten einfach eng zusammenarbeiten, hieß es bei dem Symposium, für das der Vorstand der Universitätsklinik für Chirurgie, Michael Gnant, verantwortlich zeichnete. Ein Programmpunkt war dabei die Frage, ob Gen-Tests bei Brustkrebspatientinnen bereits einen Einfluss auf die lokal wirkende Therapie (z.B. Chirurgie) haben sollte - Chirurgie nach Maßgabe der Genetik.
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