„Was zur Hölle hast du getan?“: Die Geschichte des R. Durst
Fast sein halbes Leben lang stand Robert Durst unter Mordverdacht: 1982 verschwand seine Ehefrau, eine enge Freundin wurde 2000 erschossen, 2001 die Leiche eines ehemaligen Nachbarn zerstückelt aufgefunden. Nun wurde der 71-Jährige verhaftet. Auslöser dafür war eine sechsteilige TV-Dokumentation.
Von Monika Schramm
New Orleans – „Was zur Hölle hast du getan? Sie alle umgebracht natürlich.“: Diese zwei Sätze sorgen seit Sonntagabend in den USA für Aufregung. Könnten sie doch das unfreiwillige Geständnis eines Mörders sein. Einen Tag vor dem Finale von „The Jinx: The Life and Deaths of Robert Durst“ wurde der Protagonist der HBO-Dokumentation in New Orleans verhaftet. Der Grund: Mordverdacht. Die Lebensgeschichte des exzentrischen Mannes liest sich wie ein Krimi.
Robert Durst gehört zu einer der reichsten Familien New Yorks. Ihr Immobilienimperium umschließt diverse Wolkenkratzer, auch das neue One World Trade Center wird von ihrer Firma gemanagt. Als Robert Durst sieben Jahre alt ist, trifft ihn der erste Schicksalsschlag: Seine Mutter stürzt von einem Wolkenkratzer – ob Unglück, Selbstmord oder Mord bleibt für immer im Dunkeln. 1973 heiratet er die erst 19 Jahre alte Kathie. Doch er betrügt sie, bald will sie die Scheidung. 1982 verschwindet Kathie plötzlich spurlos. Schnell gerät ihr Ehemann unter Verdacht, ihr etwas angetan zu haben. Beweisen kann es die Polizei aber nicht.
Der Mord an Susan Berman
Seine Familie sagt sich von ihm los. Eine Fürsprecherin in der Öffentlichkeit hat Durst aber: die Journalistin und Krimi-Autorin Susan Berman. Die beiden sind seit Studienzeiten eng miteinander befreundet. Acht Jahre nach Kathies Verschwinden nimmt die Polizei in New York die Ermittlungen wieder auf. Die Beamten nehmen auch mit Berman Kontakt auf, die in Beverly Hills lebt. Doch kurz vor der Befragung ist sie tot. Ihre Leiche wird am Heiligen Abend 2000 in ihrem Haus gefunden. Sie ist mit einem Schuss in den Hinterkopf regelrecht hingerichtet worden. Es gibt laut Polizei keine Spuren von einem Einbruch oder einem Kampf.
Wieder gerät Robert Durst ins Visier der Fahnder. Er soll befragt werden, taucht aber unter. In New Orleans mietet er sich getarnt als gehörlose Frau ein Apartment, berichtet die New York Times. Ein halbes Jahr später verlässt er die Stadt in Richtung Texas. 2001 wird die zerstückelte Leiche eines Mannes in Galveston gefunden. Es ist Morris Black, ein ehemaliger Nachbar von Durst. Diesmal muss sich Durst vor Gericht verantworten. Es habe einen Streit gegeben, sie hätten um eine Waffe gerungen, ein Schuss habe sich gelöst, schildert er vor Gericht. Die Jury entscheidet auf Notwehr und spricht ihn frei.
Durst wendet sich an Regisseur
Nicht nur die US-Presse berichtet in all den Jahren immer wieder über den Fall Durst: Vier Bücher erscheinen, in einer TV-Serie finden sich Folgen, die dem Fall frappierend ähneln. Der Regisseur und Dokumentarfilmer Andrew Jarecki beginnt 2008 mit den Dreharbeiten zu seinem Film „All Good Things“. Die Geschichte des Films dreht sich ganz offensichtlich um Robert Durst und das Verschwinden seiner Ehefrau. Während der Vorbereitungen spricht der Regisseur mit Dutzenden Zeugen, Familienangehörigen und Ermittlern.
Kurz nachdem 2010 der Streifen in den Kinos angelaufen ist, meldet sich Durst bei Jarecki. „Er wollte die Geschichte aus seiner Sicht erzählen“, sagt der Regisseur gegebüber der New York Times. Gegen den Rat seines Anwalts unterschreibt Durst einen Vertrag, der Jareck und seinem Co-Autor Marc Smerling erlaubt, all seine Äußerungen zu verwenden. Das erste Interview zieht sich über mehrere Tage.
Zwei Jahre dauert es, bis Durst zum Folgeinterview bereit ist. In der Zwischenzeit hat das Filmteam neue Beweise im Fall von Susan Berman gefunden. Beweise, die den mittlerweile 71-Jährigen schwer belasten. Am schwersten wiegt ein Brief, den Durst einst an seine Vertraute schickte. Und der frappierende Ähnlichkeiten mit einem anonymen Schreiben hat, das nach dem Mord bei der Polizei in Beverly Hills einging. Die Schrift ist sehr ähnlich, „Beverly“ wird in beiden Fällen „Beverley“ geschrieben. Konfrontiert mit den Schriftproben weiß Durst nicht, was er sagen soll.
„Da hast du es. Sie haben Dich!“
Das zweite Interview ist schließlich zu Ende, Durst will noch zur Toilette gehen. Er vergisst offenbar, dass das Mikrophon an seinem Hemd noch aufzeichnet. Und sagt im Waschraum die fatalen Sätze. „Da hast Du es. Sie haben dich!“ und wenig später: „Was zur Hölle habe ich getan? Sie alle umgebracht natürlich.“ Selbstgespräche seien für Durst nichts Ungewöhnliches, sagen Jalecki und Smerling gegenüber US-Medien. Es habe immer wieder Momente gegeben, in denen der Exzentriker vor sich hingemurmelt habe. Dass sie überhaupt auf die Sequenz gestoßen sind, ist mehr ein Zufall. Erst Monate nach Ende der Dreharbeiten findet ein Mitarbeiter die Tonaufnahme, die den überraschenden Abschluss der sechsteiligen Dokumentation bilden.
Noch ehe die Aufnahmen am Sonntagabend gesendet worden sind, haben FBI und Polizei zugegriffen. In New Orleans ist Robert Durst am Samstag in einem Hotel verhaftet worden, in dem er unter falschem Namen eingecheckt hatte. „Nach jahrelanger Ermittlungen und auf Grund neuer Beweise, die im Laufe des vergangenen Jahres ans Licht gekommen sind, haben die Ermittler Robert Durst als den Verantwortlichen für den Tod von Susan Berman identifiziert“, heißt es in der offiziellen Mitteilung der Polizei von Los Angeles. An der Morduntersuchung sind auch die New Yorker Polizei und das FBI beteiligt gewesen.
Familien hoffen auf Gewissheit
Auch Jarecki und das Filmteam haben offenbar ihren Teil beigetragen. 2012, einige Monate nach dem letzten Interview mit Durst, sei der Brief an die Behörden weitergegeben worden, ließen die Filmemacher wissen. Die Ermittler hätten auch im Vorfeld alle Aufnahmen, die in der Dokumentation gezeigt werden, vorher zu sehen bekommen, erklären sie im Interview mit der New York Times. Sie seien erleichtert, dass Durst festgenommen wurde. „Wir wussten, dass er sich nach der fünften Folge aufregen würde. Bob wusste, dass die Beweise im Fernsehen zu sehen sind, und das hat uns Sorgen gemacht“, sagen sie.
Sein Mandant werde vor Gericht erneut seine Unschuld beteuern, kündigt Dursts Anwalt Dick DeGuerin sofort nach der Festnahme in New Orleans an. Die Familie glaubt daran nicht. „Wir sind erleichtert und allen dankbar, die an der Verhaftung von Robert Durst beteiligt waren. Wir hoffen, dass er für alles, was er getan hat, zur Verantwortung gezogen wird,“ erklärt sein Bruder Douglas gegenüber CNBC. Auch Kathie Dursts Bruder hofft auf die Justiz: „Jetzt werden wir bald endlich Klarheit haben.“
In New Orleans droht Durst eine Anklage wegen Waffen- und Drogenbesitzes. In seinem Hotelzimmer hat die Polizei nämlich Marihuana und eine Handfeuerwaffe gefunden. Der 71-Jährige soll trotzdem nach Los Angeles überstellt werden. Bei einer ersten Anhörung am Montag hat er keinen Einspruch gegen seine Verlegung nach Kalifornien eingelegt. Angeklagt werden soll er dort aber nur für den Mord an Susan Berman.
Wie CNN berichtet, haben Ermittler ein Luxusapartment in Houston, Texas, durchsucht. Dort hat Durst gelebt. Zwei Kisten voller Dokumente sollen beschlagnahmt worden sein. Der Verteidiger Dick DeGuerin sagte gegenüber der Presse, er wisse nicht, was FBI und Polizei gesucht haben könnten. „Ich glaube, das ist ein PR-Gag.“ Es würde ihn erstaunen, wenn beweiskräftiges Material gefunden worden wäre.