Diagonale: Kurzdokus über „Antiheld“ Wilfried und Lichtmeister Berger
Graz/Wien (APA) - Auf den ersten Blick haben Kameramann Christian Berger und Sänger Wilfried Scheutz wenig gemeinsam: Der eine vielprämiert ...
Graz/Wien (APA) - Auf den ersten Blick haben Kameramann Christian Berger und Sänger Wilfried Scheutz wenig gemeinsam: Der eine vielprämiert und zuletzt mit einer Oscar-Nominierung geadelt, der andere gern auf seinen Song-Contest-Absturz 1988 reduziert. Beide sind sie seit mehr als 40 Jahren in ihrem kreativen Schaffen um Veränderung bemüht - und nun bei der Diagonale im Fokus zweier unaufgeregter Kurzdokus.
„Repertoire ist für jede künstlerische Fähigkeit das Ende“, sagt Christian Berger, die Adria im Rücken und - wie so oft - eine Pfeife im Mund. Es ist die letzte Einstellung des Kurzdokumentarfilms „Lichttage Lichtnächte - Christian Berger im Film“, der gestern, Mittwoch, bei der Diagonale uraufgeführt wurde und Bergers große Leidenschaft in den Fokus rückt: das Licht. Eva Testor, wie Berger aus Tirol, hielt in ihrem 49-Minüter nicht biografische Eckdaten, sondern eine jährlich stattfindende Studienexkursion des renommierten Kameramanns fest, und reicherte sie mit Standbildern von Bergers Filmarbeiten sowie Aufnahmen von Dreharbeiten zum Historienfilm „Ludwig II.“ an, für den Berger die Kamera machte.
Das von Berger und Christian Bartenbach kreierte „Cine Reflect Light System“, das für ihn mehr „ein anderes Denken über das Licht“ denn eine Neuerfindung darstellt, nimmt dabei viel Raum ein: Immer wieder blickt er durch den Sucher seiner Kamera, lässt das reflektierte Licht wandern, bis es für ihn an der perfekten Stelle landet. „Je mehr ich mich in das Lichtthema vertiefe, desto rätselhafter ist es für mich“, eröffnet der 70-Jährige, Stammkameramann von Michael Haneke und 2010 für dessen Schwarzweiß-Drama „Das weiße Band“ für einen Oscar nominiert, seinen Studenten auf hoher See, um Testor dann im Interview zu sagen, dass er nur jenen etwas vermitteln will, die auch suchen. So eignet sich auch die als Kurzvorlesung taugliche Doku „Lichttage Lichtnächte“ vor allem für suchende Filmstudierende, die dem Lichtmeister einmal über die Schultern schauen wollen.
Publikumstauglicher ist da Tristan Zahornickys Doku „Wilfried Scheutz - ANTIHELD“, ein poetisches, bedachtes und empathisches Porträt als Rückschau der Höhen und Tiefen der einstigen „rockenden Rampensau“. „60 Jahre sind schon ein bisserl scheiße“, liest Scheutz mit tiefer Märchenonkel-Stimme eine von vielen seiner Kurzaphorismen vor, die als Zwischentitel immer wieder den Film durchbrechen. Aber das Alter, sagt er, lasse ihn auch besser mit Unzulänglichkeiten umgehen. Für den jungen Filmemacher Zahornicky ist das ein Gewinn: Selbstironisch blickt Scheutz auf Enttäuschungen wie die Schubladisierung als Austropopper in den 70er-Jahren, die öffentliche Schelte nach dem letzten Platz beim Song Contest 1988 mit „Lisa Mona Lisa“ und sein langsames Verschwinden aus den Medien zurück.
Verbittert wirkt der im Juni 65 werdende Riese mit den charakteristisch abstehenden Haaren nicht. „Das Schöne ist, dass mir immer noch was einfällt“, sagt er, der „kein großer Künstler, sondern ein Musikarbeiter“ sei. Als ebendieser wird er in 43 kurzweiligen, vielseitig aufgenommenen Minuten greifbar, wobei die Biografie ausgespart wird: Zahornicky zeigt ihn auf der Bühne ebenso wie daheim, am liebsten aber als Hobbykoch und Gastgeber in seinem urigen Kulturvereinslokal in Pressbaum. Zwischen Volksmusik, Jazz und Rock‘n‘Roll changierend, mit kindlichem Grinser den alten Regler bedienend, mit dem Sohn Hanibal - Mitglied der Combo 5/8erl in Ehr‘n - an neuer Musik arbeitend, wird der medial vorbelastete Künstler einfach nur: menschlich.
(S E R V I C E - „Wilfried Scheutz - Antiheld“ im Rahmen des Kurzdokumentarfilmprogramms 4 heute, Donnerstag, 14 Uhr im UCI Annenhof Saal 6 und am Samstag, 21.3., 21 Uhr im Schubertkino 2. „Lichttage Lichtnächte - Christian Berger im Film“ im Rahmen des Kurzdokumentarfilmprogramms 1 am Samstag, 21.3., 18.30 Uhr im Rechbauer Kino. www.diagonale.at)
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