Kunst

Sesseltanz für die Synapsen

„Perhaps all the dragons“ lud beim Osterfestival zum Speed-Dating mit fünf Monitoren.

Von Ivona Jelcic

Hall –Man kennt das von so manchem Restaurant- oder Café-Besuch: Hat sich aus dem umgebenden Stimmengewirr erst einmal ein fremder Gesprächsfetzen in die eigenen Gehörgänge gebohrt, lässt es sich schwer wieder weghören. Noch dazu, wenn da Worte wie „Ziel“, „töten“ oder „Auftrag“ fallen. Ganz klar: Die da am Nebentisch ist Scharfschützin. Hat sie bemerkt, dass man ihr zuhört? Ist man jetzt selbst in Gefahr?

Es kann Entwarnung gegeben werden: Die Frau, deren Gesicht unter einer Schirmmütze verborgen ist, spricht aus einem Monitor heraus – wie auch das eigene Gegenüber, das von der Bergung der Kursk, jenem russischen Atom-U-Boot erzählt, das in der Barentsee gesunken ist.

All das geschieht in einer Art Kommunikations-Ufo, gelandet im Haller Salzlager, mit dreißig Plätzen und damit auch dreißig via Bildschirm zugeschalteten Gesprächspartnern bestückt. Wobei es sich, was das Gespräch betrifft, eigentlich eher um eine Einbahnstraße handelt: Auf den Bildschirmen wird erzählt – zum Beispiel von einer Pianistin, die sich im falschen Konzert wiederfand – das Publikum ist zum Zuhören verdonnert. Nach jeweils zwölf Minuten werden die Plätze gewechselt. Speed-Dating einmal anders.

Dass dabei dennoch so etwas wie Interaktion, ein Gefühl von Kommunikation entsteht, ist vom flämischen Künstlerkollektiv „Berlin“ geschickt eingefädelt: Nicht nur durch ein ausgefeiltes Audio-Konzept, auch das gedämpfte Licht, das geschlossene Oval, in dem man von Erzählung zu Erzählung dirigiert wird, erzeugen eine überraschende Intimität, in deren Schoß die Zuhörer selbst zu Performance-Akteuren werden.

„Berlin“ spielen dabei nicht zuletzt auf die Six-Degrees-of-Separation-Theorie an, dem so genannten Kleine-Welt-Phänomen, demzufolge jeder Mensch auf der Welt über eine erstaunlich kurze Kette von Bekanntschaften mit jedem anderen verbunden ist. Davon erzählt ein Sozialpsychologe, vom Nebentisch her empfiehlt indes ein Forscher des Max-Planck-Instituts, die Suche nach der idealen Liebe einzustellen: Sie sei rein mathematisch völlig aussichtslos.

Es mag herausfordernde, inhaltlich angriffigere Performance-Kunst geben, mit „Perhaps all the dragons“ hat das Osterfestival zum Auftakt eine serviert, die spielerisch an den Synapsen kitzelt. Und einen mit einem diffusen Wohlgefühl nach Hause schickt.