Kann der Boston-Bomber der Todesstrafe noch entgehen?

Todesstrafe oder Leben - nur noch darum geht es im Prozess gegen den Boston-Bomber. Nach ihrem Schuldurteil für Dzhokhar Tsarnaev müssen sich die Geschworenen von der kommenden Woche an mit dem Strafmaß beschäftigen. Können die Anwälte ihn vor der Exekution bewahren?

Eine Gerichtszeichnerin hielt fest, wie Dzhokhar Tsarnaev (Mitte) den Plädoyers bei der Verhandlung folgte.
© Reuters

Von Emoke Bebiak und Jennifer Smith, dpa

Boston - Als Anfang März der Prozess um den Terroranschlag auf den Boston-Marathon begann, versuchte die Verteidigung erst gar nicht, die Schuld von Dzhokhar Tsarnaev abzustreiten. „Er war es“, sagte Anwältin Judy Clarke unumwunden an die Geschworenen gerichtet.

Sie ziehe die Verantwortung ihres Mandanten nicht in Zweifel, aber sie werde zu beweisen versuchen, dass der als Teenager so beliebte 21-Jährige sich nur wegen des schlechten Einflusses seines radikalisierten Bruders Tamerlan (26) an dem blutigen Attentat des 15. April 2013 beteiligt habe, sagte die Star-Juristin.

Nach dem Urteil der Geschworenen am Mittwoch ist es fraglicher denn je, ob die Strategie aufgeht. In allen 30 Anklagepunkten befanden sie Tsarnaev für schuldig. Er ist verantwortlich für vier Morde und die Verstümmelung von Opfern. Er hat „Massenvernichtungswaffen“ genutzt, wie die zu Bomben umgerüsteten Schnellkopftöpfe im US-Rechtsgebrauch genannt werden. Geiselnahme, Schusswaffengebrauch - eine lange Liste. 17 Anklagepunkte können mit der Todesstrafe geahndet werden.

Todesstrafe auf Bundesebene möglich

Drei Menschen starben und 260 wurden verletzt, als die zwei Geschwister tschetschenischer Abstammung damals an der Zielgeraden des Marathons zwei Bomben zündeten. Der ältere Bruder Tamerlan Tsarnaev wurde auf der Flucht von der Polizei erschossen. Bei der Verfolgungsjagd töteten die Brüder auch einen Polizisten. In der kommenden Woche beginnt die entscheidende Phase des Prozesses - dann geht es um das Strafmaß für die Verbrechen.

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Keine zwei Wochen vor dem nächsten Marathon sind die Einwohner unschlüssig, ob sie auf die Todesstrafe für Tsarnaev hoffen sollen. Exekutionen sind in dem liberalen US-Staat Massachusetts längst abgeschafft, aber der Attentäter steht vor einem Bundesgericht. Auf Bundesebene ist die Todesstrafe weiterhin möglich. „Er ist voll verantwortlich“, sagt Karen Bassard, die den Anschlag damals überlebte. „Er ist ein erwachsener Mann und hat Entscheidungen getroffen, deren Auswirkung er einschätzen konnte“.

„Ich hoffe auf eine schnelle Entscheidung über das Strafmaß“, sagt Bostons Bürgermeister Martin Walsh. „Die Geschehnisse an jenen Tagen haben für immer eine Narbe in unserer Stadt hinterlassen.“ Doch welche Bestrafung er für angemessen hält, will auch er nicht offen sagen.

Star-Anwältin will Tsarnaev vor Todesstrafe bewahren

„Für die Jury wird es schwer sein, ein Todesurteil auszusprechen“, meint der frühere Richter Bill Blum, ein Spezialist für die Verteidigung von Angeklagten in Todesstrafen-Prozessen. Es sei klug von den Anwälten, nicht die Schuld des 2002 eingewanderten Tsarnaev zu leugnen. Die Beweise seien so erdrückend, dass es kontraproduktiv wäre, diese in Zweifel zu ziehen.

„Der Job der Anwälte wird es sein, den jungen Mann so menschlich wie möglich darzustellen“, sagt Blum. Dazu dürfte die Verteidigung einen Berg potenziell mildernder Umstände vorlegen, darunter Details aus seiner Familie und seiner Erziehung. Sie werde auch versuchen, die Geschworenen davon zu überzeugen, dass es den Opfern nichts bringe, wenn Tsarnaev hingerichtet werde.

Seine Anwältin Judy Clarke ist eine der bekanntesten Strafverteidigerinnen der USA und hat bereits einige Angeklagte vor der Todesstrafe bewahrt. Dazu zählt der Terrorist Eric Rudolph, der unter anderem für seine Mitwirkung an dem Bombenattentat bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 schuldig gesprochen wurde. Clarke vertrat auch Jared Loughner, der 2011 in Arizona sechs Menschen getötet und die damalige Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords schwer verletzt hatte.

„Dzhokhar folgte seinem Bruder“

Leicht wird es die Verteidigung, zu der noch drei weitere Juristen zählen, nicht haben. Die Anklage stellt Tsarnaev als kaltblütigen Mörder dar, der durch extremistische islamische Anschauungen radikalisiert wurde. Er sei davon überzeugt gewesen, sich mit der Ermordung von US-Bürgern „seinen Platz im Paradies zu verdienen“.

Der Vorwurf, der junge Mann habe unter dem Einfluss extremistischer Ideologien gestanden, beruht auf einem Geständnis, das die Polizei bei der Festnahme in seinem Versteck fand. „Die US-Regierung tötet unschuldige Zivilisten“, stand darin. Und: „Ich kann nicht ertragen, dass so viel Böses unbestraft bleibt. Wir Muslime sind eins, wenn man einen von uns verletzt, verletzt man uns alle.“

Verteidigerin Clarke schob auch dafür dem toten Bruder die Schuld in die Schuhe. „Tamerlan war vom radikalen Islamismus besessen. Er war es, der sich radikalisiert hat, und Dzhokhar ist ihm gefolgt.“


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