Wilde Kerle und viel Amore: Die Renaissance des Austropop

Weit entfernt vom Alpenmythos begeistern junge Musiker aus Österreich die Szene. Individualität und Exzentrik bestimmen ihre Lieder. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk tut sich noch schwer im Umgang mit heimischen Künstlern.

Conchita Wurst.
© APA/ERWIN SCHERIAU

Wien – Die österreichische Musikszene ist im Höhenflug - und das hat wenig mit Songcontest-Gewinnerin Conchita Wurst zu tun. Bands wie Wanda und Bilderbuch stürmen die Charts und füllen Konzerthallen auch in Deutschland. Mit rockigen Klängen, viel Pathos und dem berühmten Wiener Schmäh läuten die Musiker eine neue Ära des Austropop ein. Bemerkenswert: Ihren Durchbruch schafften die Musiker fernab vom größten Radiosender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ORF. Ö3 spielt ihre Musik erst seit rund einem Monat.

Bilderbuch auch über die Grenzen erfolgreich

Die absoluten Durchstarter sind die vier Jungs von Bilderbuch („Maschin“, „Plansch“). Kritiker überschlagen sich bei ihrem jüngst veröffentlichten dritten Album „Schick Schock“ mit Lob. Auf Anhieb kam die Kombo damit in Österreich an die Spitze der Charts und in Deutschland auf Platz 14. Mit frechen, trotzigen Texten und frischem Sound deckt die Band ein breites Publikum ab. Mit „OM“ schafften sie es auf eine Ausgabe der „Bravo Hits“ und wurden gleichzeitig vom alternativen Musikmagazin „Spex“ gefeiert.

Bedingungslose Liebe, sexuelle Fantasien mit der Cousine, Todessehnsucht und Exzesse stehen hingegen bei Wanda im Mittelpunkt. „Wenn dich jemand fragt, wofür du stehst, sag‘ für Amore“ aus dem Lied „Bologna“ wurde zum geflügelten Satz. Die selbstbewussten Auftritte der Band mit Alkohol und Zigaretten auf und abseits der Bühne, zerrissenen Hosen und Lederjacken ließen schnell Vergleiche mit Falco laut werden.

Beim zuletzt verliehenen wichtigsten österreichischen Musikpreis Amadeus haben die Wiener zwei Trophäen abgeräumt. „Mir kommt es so vor, als hätten wir eine Bar eröffnet und keine Band gegründet“, beschreibt Bandleader Marco Michael Wanda in der Wochenzeitung „Falter“ das flockige Lebensgefühl.

Der Erfolg der beiden Bands ist für Kenner kein Zufall. „In den letzten zehn Jahren hat sich langsam und stetig eine bunte Szene entwickelt. Es war klar, dass es einmal explodieren muss“, sagt Hannes Tschürtz, Geschäftsführer von ink music. Mit seiner Künstleragentur ist er für Konzertbuchungen für die Speerspitze dieser Bewegung, Wanda und Bilderbuch, tätig.

„Man spricht wieder über Musik in Österreich“

Wie breit die neue österreichische Musikszene ist, erkennt man auch an den Karrieren von Parov Stelar im elektronischen Bereich oder von Rapper Nazar. Der in Teheran geborene Wiener erklomm mit seinem Album „Camouflage“ in Österreich Platz eins, in Deutschland Platz zwei.

Der Sieg von Dragqueen Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014 war nicht entscheidend dafür. „Aber der schöne Nebeneffekt war, dass man wieder über Musik aus Österreich spricht“, so Tschürtz. Die Makemakes, die beim ESC im Mai in Wien antreten, seien eine solide Entscheidung gewesen. „Sie sind kein Plastik-Popact“, sagt Tschürtz.

Das diesjährige ESC-Leitmotiv „Building Bridges“ wäre aus Sicht von Prof. Harald Huber vom Wiener Institut für Popularmusik ein Anlass, die Aufmerksamkeit nachhaltig auf andere Regionen zu richten. „Wir sind gut informiert über die Musikszene in Los Angeles, Nashville, New York und London, aber wissen nichts über Bratislava, Budapest und Prag.“ Die gegenseitige Wahrnehmung der Musik gleich hinter den Grenzen wäre ein schöner Nachhall des ESC, sagt Huber.

Ö3: Nur 12 Prozent der Songs von heimischen Künstlern

Aufstrebende österreichische Künstler haben eine Heimat beim Nischenradiosender des ORF, FM4. Doch dessen Marktanteil liegt nur bei zwei Prozent. Ö3 ist mit einem Marktanteil von 31 Prozent der meistgehörte Sender des Landes. Im Februar waren bei Ö3 laut eigener Aussage aber nur knapp 12 Prozent aller Lieder von heimischen Musikern. „Wir streben allerdings zwischen 13 und 15 Prozent an“, sagte der ORF-Radiodirektor Karl Amon der Deutschen Presse-Agentur.

Für die Kultursprecherin der regierenden SPÖ, Elisabeth Hakel, ist diese Selbstverpflichtung nicht ausreichend. Gemeinsam mit Künstlern kämpft sie für eine Quote „in der Höhe des europäischen Durchschnitts von 40 Prozent“ für heimische Produktionen. Davon hält Radiodirektor Amon nichts. Stattdessen sollten Sender und Künstler auf freiwilliger Basis zusammenarbeiten. (dpa)


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