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Das „Napalm-Mädchen“: Als der Krieg ein Gesicht bekam

Das Foto des „Napalm-Mädchens“ aus dem Vietnamkrieg ging um die Welt. Vierzig Jahre nach Kriegsende ist es noch immer im kollektiven Gedächtnis eingebrannt.

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Dieses Foto ging beschnitten um die Welt. In der 1972 verbreiteten Version waren die drei Männer rechts nicht zu sehen.
© www.picturedesk.com

Von Matthias Sauermann

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Washington –Vor vierzig Jahren befand sich der Vietnamkrieg in seinen letzten Atemzügen. In den letzten Apriltagen 1975 flogen Hubschrauber noch hektisch Menschen auf US-Flugzeugträger vor der Küste. Die Panzer Nordvietnams rollten durch die Tore Saigons. Am 30. April kapitulierte der Süden des Landes schließlich endgültig vor dem kommunistischen Norden. Einen Tag später, am 1. Mai 1975, fand ein trauriges Kapitel der Menschheitsgeschichte offiziell sein Ende. Der Vietnamkrieg wurde nach Millionen von Toten, etwa 60.000 auf Seiten der USA, beendet.

In den Köpfen der Weltöffentlichkeit hatten sich zu diesem Zeitpunkt längst unzählige grausame Bilder eingebrannt. Die Selbstverbrennung eines Mönches, die Hinrichtung eines Vietcong auf offener Straße, die Leichen von Zivilisten nach dem Massaker von My Lai. Bilder wie diese verdeutlichten die blutige Realität an den Fronten Vietnams. „Der Vietnamkrieg war der erste Fernsehkrieg der Geschichte“, erklärt Historiker Gerhard Paul von der Universität Flensburg gegenüber der Tiroler Tageszeitung. „Im Unterschied zu anderen Kriegen zuvor und danach konnte vergleichsweise frei über ihn berichtet werden“.

Ein Foto blieb im kollektiven Gedächtnis hängen wie kein anderes: Jenes von dem kleinen Mädchen Kim Phúc, das mit schmerzverzerrtem Gesicht nach einem Napalmangriff auf die Kamera zuläuft. Ihr ganzer Rücken wurde durch die aus Versehen von südvietnamesischen Truppen auf eigene Kämpfer und Zivilisten abgeworfenen Bomben verbrannt. Ihre brennenden Kleider hat sie abgeworfen. „Dieses Foto zeigte der Welt, worum es in dem Krieg ging“, sagte der Fotograf Nick Ut später. Bilder wie diese, so die oft vertretene Ansicht, führten zu öffentlichen Protesten und beschleunigten das Ende des Krieges.

Im Falle des Fotos des „Napalm-Mädchens“ ist dies jedoch eine nachträglich vorgenommene Fehldeutung, analysiert Paul. „Dass die Medien den Krieg beendeten oder seine Ende beschleunigten ist ein Mythos“, so der Spezialist für Bildgeschichte. Der Krieg sei für die USA im Juni 1972, längst verloren gewesen, in weiten Teilen Südvietnams hätte es gar keine US-Einheiten mehr gegeben. Während das Foto also zwar öffentliche Proteste verstärkte, hatte es keinen Einfluss auf den Verlauf des Konfliktes. „Der Vietnamkrieg wurde für die USA nicht an der Medienfront, sondern auf dem ‚Feld‘ verloren“.

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Das Foto erzähle, so Paul, viel mehr über das Verhalten der Medienvertreter gegenüber den Opfern. So waren die bedrohlich wirkenden Männer im Hintergrund vorwiegend Journalisten, keine Soldaten. Sie waren der Gruppe von Zivilisten entgegengelaufen, ohne ihnen zu helfen. Im ursprünglichen Foto ist zudem am rechten Bildrand ein Reporter zu sehen, der scheinbar anteilnahmslos die Filme in seiner Kamera wechselt. Er wurde nachträglich aus dem Foto herausgeschnitten. Erst nachdem die Fotografen ihre Bilder geschossen hatten, kümmerten sie sich um die schwer verletzten Kinder.

Die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges verdeutlicht das Foto dennoch wie wenig andere. So erlangte es auch seinen Stellenwert als Anti-Kriegsporträt und Ikone des 20. Jahrhunderts. Gleichwohl verblassen die genauen Inhalte und historischen Bezüge zunehmend, erklärt Paul. Aktuellere Bilder wie jene der Folterungen in Abu Ghraib kamen hinzu und überlagern die Erinnerung an Vietnam. Eine visuelle Rüstungsspirale führt zudem dazu, dass es immer brutalerer Bilder bedarf, um die Zuschauer zu erreichen. Ein aktuelles Beispiel seien die Propagandavideos des „Islamischen Staats“, so Paul. Dagegen helfe nur: „Abschalten.“

Vietnamkrieg

Eckdaten: Der Vietnamkrieg schloss an den Indochinakrieg an. Nach der Teilung Vietnams 1954 entwickelte sich ein Bürgerkrieg um die Wiedervereinigung des Landes unter kommunistischer Führung. Die USA griffen 1965 ein und unterstützten den Süden gegenüber dem kommunistischen Norden. 1973 schloss US-Präsident Nixon einen Waffenstillstand mit Nordvietnam. Am 1. Mai 1975 eroberten die kommunistischen Truppen den Süden vollständig.

Gräuel: Wegen Massakern wie jenem von My Lai und Millionen von toten Zivilisten sowie dem Einsatz des krebserregenden Entlaubungsmittels Agent Orange rief der Krieg beispiel­lose weltweite Proteste hervor.


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