Kriegsende in Tirol: Noch am letzten Tag Kinder geopfert
Noch in den letzten Tagen und Stunden vor der Befreiung Innsbrucks am 3. Mai 1945 offenbarten das Nazi-Regime und seine Schergen ihre grauenhafte Fratze.
Von Michaela Spirk-Paulmichl
Innsbruck –Es war nicht ungewöhnlich, schließlich wurden in den letzten Kriegstagen überall junge Burschen – teils noch Kinder – und ältere Männer in den Tod geschickt. Nur sie waren noch übrig. Trotzdem: „Es war absurd, tragisch, sinnlos, einfach nur sinnlos!“, sagt die Historikerin Sabine Pitscheider. HJ-Bannführer Hermann Pepeunig hätte einfach daheimbleiben können. „Er hätte wissen müssen, dass es keine Aussicht auf Erfolg gab. Immerhin stand sogar in den Innsbrucker Nachrichten, damaliges Gaublatt, dass die Amerikaner auf ihrem Siegeszug immer näher kamen.“ Der Krieg war verloren, das war klar. Dennoch im gleichen Bericht: Durchhalteparolen und der Verweis auf das „heroische Ringen“, „Sinnbild deutschen Heldentums“.
Dass Hermann Pepeunig am Vormittag des 1. Mai 1945 doch einen Trupp Hitlerjungen an die Grenze bei Scharnitz führte, zeigt, wie enorm auch sein Fanatismus war. Die zuvor jahrelang indoktrinierten 20 Buben im Alter von 16 bis 18 stellten sich kurz vor Kriegsende dem 103. Bataillon der US-Armee entgegen. Wie viele umkamen, ist nicht bekannt. Noch am gleichen Tag, um 21.30 Uhr, war Scharnitz befreit, Wien und auch Vorarlberg schon vorher. Er habe auf Befehl gehandelt, würde sich Pepeunig später wie so viele andere herausreden.
Viel ist nicht überliefert über die Geschehnisse in Scharnitz, die nur ein Beispiel waren – allerdings ein besonders zynisches – für so viele andere Grausamkeiten, so viel Leid im Namen einer menschenverachtenden, gefährlichen Ideologie. Über die Tiroler Hitlerjugend finden sich im Tiroler Landesarchiv heute gerade noch zwei Kartons mit Disziplinarakten. „Viele Unterlagen sind verschwunden – noch schnell vor Kriegsende, aber auch noch danach“, sagt Sabine Pitscheider vom Institut für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck. Sie untersuchte die Vorfälle 2013 im Auftrag der Stadt Innsbruck. Ihre Arbeit führte dazu, dass Pepeunig schließlich spät, aber doch das Sozial- ehrenzeichen der Stadt Innsbruck aberkannt wurde. Er hatte es für seine Arbeit als Jugendbetreuer bekommen. „Hermann Pepeunig wirkte sein ganzes Leben lang verdienstvoll für die Jugend; zuerst als Jugenderzieher, später dann insbesondere als Jugendbetreuer. So gründete er 1950 das Aufbauwerk der Jugend“, hieß es bei der Laudatio. Das Verdienstkreuz des Landes Tirol wurde ihm bis heute nicht aberkannt. Das Aufbauwerk der Jugend dagegen stellte sich seiner Geschichte und gab selbst eine Studie über den Mann in Auftrag, der bis zu seinem Lebensende unbehelligt mit Jugendlichen arbeiten durfte, obwohl er zweimal wegen Köperverletzung verurteilt worden war. Als Angestellter des Landes nahm er Bezüge der öffentlichen Hand entgegen. „Was ihr im Geringsten meinen Brüdern angetan habt, habt ihr mir angetan“, stand 1990 auf seinem Sterbebild.
Die französische Militärregierung ordnete am 28. Juli 1945 an, dass sich alle NSDAP-, SA- und SS-Angehörigen in der Innsbrucker Klosterkaserne melden müssten. Pitscheider: „Etwa ein Viertel ist hingegangen, unter ihnen auch Pepeunig.“ Wie viele andere konnte auch er sich herausreden, so schlimm sei das alles doch nicht gewesen. Die Unterlagen wurden von den Betroffenen selbst verfasst, die Darstellungen von Gleichgesinnten bezeugt, alles andere als glaubwürdig.
Im Landesmuseum findet sich ein Buch der „Cactus“-Division, 1945 in Innsbruck von der Wagner’schen gedruckt. Darin beschreibt die 103d infantry divison aus Texas ihren Weg von Frankreich über Deutschland und Österreich nach Italien – „500 fighting miles“, 500 Meilen Kampf. Ebenfalls im Ferdinandeum zu finden: letzte Ausgaben des NSDAP-Blatts Innsbrucker Nachrichten, erschienen bis 3. Mai. „Ausharren“ stand dort. Am Nachmittag waren die Amerikaner in Innsbruck.