ESC-Veteran Peter Horton: Die Musik selbst ist nicht mehr der Sieger

Wien/München (APA) - Manches ändert sich scheinbar auch dann nicht, wenn man gerade vor dem Millionenpublikum des Song Contests über Europas...

Wien/München (APA) - Manches ändert sich scheinbar auch dann nicht, wenn man gerade vor dem Millionenpublikum des Song Contests über Europas Fernsehbildschirme geflimmert ist. „Meine Mutter hat danach gesagt: Du hättest ja schon ein bisschen winken können“, erinnert sich Peter Horton. Der heute 73-jährige Musiker war 1967 Österreichs Vertreter beim ersten ESC auf heimischem Boden, der in der Wiener Hofburg stattfand.

Bei allem royalen Prunk sei die Dimension des damaligen Events natürlich eine andere gewesen als heutzutage. „Das war nicht zu vergleichen mit großen Hallen“, unterstreicht der mittlerweile in München lebende Musiker im Gespräch mit der APA. Allerdings hätten er und sein Team ob des Vorbereitungsstresses ohnedies keine Augen für derlei Fragen gehabt: „Wir waren beschäftigt mit all möglichem Anderen.“

Unsicher war er damals nicht, obgleich ein Auftritt im Ausmaß eines Song Contests für ihn völliges Neuland gewesen sei, entsinnt sich Horton: „Ich habe mich absolut wohlgefühlt. Ich war nach einer längeren Zeit wieder zuhause.“ Schließlich war er zu dieser Zeit bereits durch verschiedene Länder der Welt getourt und zum Studium nach Deutschland gegangen.

Trotz aller Vorbereitung kam Horton - der sich damals, noch vor einer Unterlassungsklage durch den Kaufhauskonzern Horten, mit einem E statt einem O schrieb - mit seinem „Warum es hunderttausend Sterne gibt“ nicht über den vorletzten Platz hinaus, was ihm in seiner Erinnerung allerdings keine schlaflosen Nächte bereitete: „Merkwürdigerweise war ich damit nicht beschäftigt. Ich habe mich um die Musik gekümmert und wollte das gut machen.“

Da traf das Ergebnis des Votums die Konkurrenz teils härter, so etwa Vicky Leandros, die mit ihrem späteren Welthit „L‘amour est bleu“ für Luxemburg nur den vierten Platz belegte. „Die Vicky Leandros hat geweint hinter der Bühne“, erinnert sich Horton an die Backstageszenen. In Wien triumphierte damals Sandie Shaw mit ihrem mittlerweile zum Klassiker aufgestiegenen „Puppet on a String“.

Über die Jahre habe sich der Song Contest seit dieser Zeit allerdings sehr verändert: „Er ist etwas ganz anderes geworden. Die Musik selbst ist nicht mehr der Sieger, sondern die Lichttechniker und Ingenieure sind die eigentlichen Macher.“ Das sei keine Minderschätzung, dürfe man doch die musikalische Qualität mancher Beiträge nicht verkennen: „Ich möchte das gar nicht als Bewertung sehen. Wenn die Leute heute Freude daran haben, wie es ist...“ In jedem Falle sei der Sieg von Conchita Wurst im Vorjahr eine durchaus achtbare Leistung gewesen.

Allgemein gelte aber für viele Sänger in der heutigen Zeit das Gleiche wie für Autos: „Sie werden äußerlich immer schöner, und die Windkanäle haben am Design mitgewirkt.“ Wenn man da die Tuner aus dem Tonstudio nicht hätte, wäre das Ergebnis auf der Bühne vor falschen Tönen praktisch nicht anzuhören. Das sei zu seiner Zeit einfach noch anders gewesen: „Das war live, das war Leben, das war nicht gespielt, und es gab keine Effekte.“

Er selbst ließ den Eurovision Song Contest vor 48 Jahren trotz der schlechten Platzierung nicht endgültig hinter sich, trat er doch 1972 und 1975 nochmals vergeblich beim deutschen Vorentscheid an, was allerdings keine großen emotionalen Spuren im Gedächtnis des Musikers hinterlassen hat: „War das zweimal? Mein Gott, man hat halt mitgemacht. Das war auch ein Schub, der aus dem Management kam - und den habe ich selbstverständlich nicht ignoriert.“

Diese Zeiten lägen allerdings mittlerweile weit hinter ihm: „Ich hatte damals noch nicht die Erfahrung im Umgang mit Publikum - die habe ich heute. Ich habe an die 5.000 Konzerte gegeben. Heute möchte ich etwas anderes als nur den merkantilen Effekt.“ So gehe es ihm mittlerweile darum, mit seiner Musik die Lebensfreude der Menschen und die Liebe zu den anderen in der Welt zu wecken: „Wenn wir über diese Brücke nie gehen, bleiben wir die Formation einer zölibatären Potenz, die keinen Effekt mehr hat.“ Building Bridges eben, um es mit dem heurigen Motto des Eurovision Song Contests zu formulieren.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

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