Auch Habsburger deportierten unliebsame Untertanen

Wien (APA) - Weil sie als Protestanten die „falsche“ Religion hatten, als „Deviante“ im Straßenbild Wiens unerwünscht waren oder politisch a...

Wien (APA) - Weil sie als Protestanten die „falsche“ Religion hatten, als „Deviante“ im Straßenbild Wiens unerwünscht waren oder politisch als unliebsam galten - insgesamt deportierte die Habsburger-Monarchie im 18. Jahrhundert bis zu 14.000 Menschen. Diesen bisher kaum erforschten Zwangsverschickungen geht der Historiker Stephan Steiner in seinem neuen Buch nach, das am Dienstag in Wien präsentiert wird.

„Bisher hat man angenommen: Da die Habsburger keine Kolonien hatten, gab es auch keine Deportationen“, erklärte der Historiker, der an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien lehrt, im Gespräch mit der APA. Dabei behandelten die Herrscher ihre Kronländer im Osten und Südosten in vielerlei Hinsicht wie Kolonien und führten über das gesamte 18. Jahrhundert Zwangsumsiedelungen durch. Vergleicht man die absoluten Zahlen der Deportierten, reihen sich die Habsburger im europäischen Vergleich dabei etwa im Mittelfeld ein.

In seinem Buch „Rückkehr unerwünscht. Deportationen in der Habsburgermonarchie der Frühen Neuzeit und ihr europäischer Kontext“ macht Steiner dabei drei Hauptzielgruppen aus: Erstens die in Österreich - vor allem in der Steiermark, Oberösterreich und Salzburg - lebenden Protestanten, zweitens unter dem Sammelbegriff „Deviante“ zusammengefasste unerwünschte oder kriminelle Personen wie etwa Prostituierte, Obdachlose oder Alkoholiker und schließlich politisch unliebsame Untertanen.

Obwohl ihr Schicksal ähnlich war, sah das konkrete Vorgehen der Behörden dennoch unterschiedlich aus, berichtete der Historiker. Im Fall der österreichischen Protestanten sei man ursprünglich von vereinzelten Maßnahmen ausgegangen. „Um Auseinandersetzungen auf lokaler Ebene zu vermeiden, wollte man die vermeintlichen Rädelsführer außer Landes bringen“, meinte Steiner. Da jedoch u.a. die Familien folgten, entstanden nach und nach ganze Transporte.

Ein Ziel dieser Deportationen: Das von Wien aus regierte rumänische Siebenbürgen, wo nicht nur eine bedingte Religionsfreiheit herrschte, sondern die Habsburger auch eine „geordnete Ansiedlungspolitik“ betreiben wollten. Im Kontext von Zwangsmigrationen scheiterte diese jedoch an der bereits ansässigen Bevölkerung, die den Neuankömmlingen nicht gerade positiv gegenüberstand. „Aus einem protestantischen Großbauern konnte so schnell ein einfacher Taglöhner werden“, so Steiner. Denn die Vermögenswerte wurden trotz formaler Ansprüche nicht oder nur sehr verzögert ausbezahlt.

Noch schlechter erging es den „Devianten“: Ursprünglich sollten die Transporte Prostituierte von den Straßen Wiens verbannen. Rasch etablierten sich jedoch regelmäßig zweimal im Jahr stattfindende Zwangsverschickungen, die tatsächlich oder vermeintlich Kriminelle und „Asoziale“ aus dem Zentrum des Reiches in die Peripherie, konkret ins Banat (heute Rumänien und Serbien) verbannten. Zwischen 1744 und 1768 fand der sogenannte „Temesvarer Wasserschub“ statt - vor Ort wurden die Verschickten zu Arbeit gezwungen. Wer flüchten konnte, wurde oft erneut deportiert.

„Es gibt Berichte, die einen regelrechten Sklavenmarkt beschreiben“, erklärte der Historiker. Erst Joseph II., der dem Banat einen Besuch abstattet, zeigte sich von den Zuständen dort so entsetzt, dass er den „Wasserschub“ einstellen ließ.

Die kleinste Gruppe waren jene, die aus politischen Gründen deportiert wurden. Dabei handelte es sich vor allem um katholische Bauern, die um ihre verbrieften Rechte kämpften oder Soldaten, die die Militärreformen Maria Theresias nicht mittragen wollten. „Hier wurde die Deportation konkret als Strafmaßnahme gesetzt. Das geschah, wie auch bei den anderen Gruppen, in der Regel ad hoc, maßgeblich entschieden von den lokalen Behörden. Gerichtsverfahren gab es keine“, schilderte Steiner. Auch für diese Gruppe führte der Zwangsweg mit militärischer Eskorte meist ins Banat.

Nicht immer blieben die Deportationen folgenlos für die Monarchie: Gerade die Zwangstransporte der Protestanten führten zu regelmäßigen Beschwerden beim Corpus Evangelicorum, der Vertretung der protestantischen Reichsstände. Auch wenn diese meist erfolglos blieben: „Die Bürokratie der Habsburger wurde dennoch auf Trab gehalten“, so Steiner. Nach Erlass des Toleranzpatents durch Joseph II. erreichten diese auch immer wieder Proteste und Entschädigungsforderungen der Nachfahren.

(S E R V I C E - Stephan Steiner: „Rückkehr unerwünscht. Deportationen in der Habsburgermonarchie der Frühen Neuzeit und ihr europäischer Kontext“, Böhlau Verlag, 653 Seiten, 69 Euro, ISBN: 978-3-205-79499-8, Buchpräsentation u.a. mit Jan Philipp Reemtsma am 5. Mai, 19.00 Uhr, Hauptbücherei am Gürtel, Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien)


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