Historischem Bau geht’s ans Leder

Abbruch und Neubau oder doch lieber Sanierung mit Nachverdichtung? Über die Zukunft des so genannten „Schlachthofblocks“ in Innsbruck sind sich Politik, Gestaltungsbeirat und Immobilien GmbH – noch – nicht einig.

© Thomas Boehm / TT

Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck –In Innsbruck ist er stadtbekannt, der „Schlachthofblock“ im Stadtteil Dreiheiligen. Umrahmt vom Bahnviadukt im Norden und der Sill im Süden, zählt er zu den ersten großen Sozialwohnbauten in der Landeshauptstadt. Erbaut im Straßengeviert Sebastian-Scheel-Straße, Schlachthofgasse, Ing.-Etzel-Straße und Erzherzog-Eugen-Straße in zwei Etappen von 1911 bis 1913 und 1922 bis 1925, umfasst diese gründerzeitliche Blockrandverbauung inzwischen 208 Wohnungen. Lange eilte dem Schlachthofblock aber ein nicht allzu guter Ruf voraus.

Geht es nach der Innsbrucker Immobilien Gesellschaft (IIG), dann soll der Schlachthofblock in Bälde das Zeitliche segnen – und zur Gänze abgebrochen werden. Ähnlich dem erst vor Kurzem neu gebauten und übergebenen Sillblock. Sinn und Zweck ist die Schaffung neuen Wohnraums. Über 250 Wohnungen, so IIG-interne Schätzungen, könnten auf dem Schlachthofblock-Areal geplant und neu gebaut werden. Weit wichtiger wäre aber zudem, in einem zweistufigen Architekturwettbewerb gleich das östliche – in Teilbesitz der Stadt befindliche – Areal miteinzubeziehen.

Als Gründe für den beantragten Totalabbruch führen die IIG gegenüber dem städtischen Bauausschuss gleich mehrere Punkte an. Als da wären: statische Bedenken, die gegen eine bloße Sanierung samt moderater Verdichtung (Aufstockung) sprechen würden. Aber auch die Bestandssituation der Wohnungen mit ungünstigen Grundrissen, nachträglich im Bereich der Balkone eingebauten Bädern (Schimmelproblematik) und dergleichen mehr stellte, so die IIG, die Nachbesiedelung bereits bisher vor große Probleme. Eine Sanierung wird daher wirtschaftlich in Frage gestellt. Die Kosten eines Neubaus sollen dem Vernehmen nach zwischen 30 und 35 Millionen Euro liegen.

Von einem Totalabbruch will aber der Innsbrucker Gestaltungsbeirat (IGB) nichts wissen. Vielmehr regt er eine gründlichere Untersuchung an, inwieweit mittels Sanierung und Verdichtung die vorhandene, gute Bausubstanz auch aus Sicht des Erhalts der städtebaulichen Geschichte weiterentwickelt werden könne. Immerhin stand der Schlachthofblock noch bis zum Jahre 2009 unter Denkmalschutz. Der IGB warnt die Politik eindringlich davor, sich für einen Totalabbruch auszusprechen. Sollte dieses Beispiel Schule machen, so der IGB, sei dies ein fatales Signal für alle in Privatbesitz befindlichen Objekte aus der Gründerzeit. Die Stadtplanung schloss sich der Haltung des IGB an und empfiehlt dem Bauausschuss daher nur eine behutsame Verdichtung des Bestandes.

Doch die Politik ist gespalten. Der Akt wurde bereits einmal im Bauausschuss vertagt. Morgen rücken die Ausschussmitglieder zur Besichtigung aus.

Vehement für den Totalabbruch Stimmung macht die Bürgermeisterfraktion Für Innsbruck. Der Wohnungsstandard sei „nicht mehr vertretbar“, sagt Ausschuss­obmann Lucas Krackl (FI): „Bei der Nachbesiedelung will keiner mehr rein.“ Auch hätte sich ein magistratsintern eingerichteter „Nachverdichtungsausschuss“ bereits positiv für das IIG-Ansinnen ausgesprochen. „Ich gehe von einer Mehrheit für einen Abbruch aus“, zeigt sich Krackl vor der morgigen Sitzung zuversichtlich.

Nur das wirtschaftliche Argument will indes Planungsstadtrat Gerhard Fritz (Grüne) nicht gelten lassen: „Vor einem Abbruch sollte man zweimal nachdenken.“ Die IIG-Argumente seien zwar schlüssig, jedoch gehe es hier um einen Wohnblock von nicht geringer stadtgeschichtlicher Bedeutung. Tendenziell seien die Grünen auf Seiten des Gestaltungsbeirates, ein Abbruch sei aber nicht ausgeschlossen: „Der Ausgang ist offen.“

Erst ein Bild von der Lage will sich SP-Bauausschussmitglied Helmut Buchacher machen: „Bei einem der ersten Sozialwohnbauten der Stadt lohnt sich eine Diskussion schon.“ Ebenso abwartend gibt sich die oppositionelle ÖVP. Noch seien zu viele Fragen offen, sagt Stadtrat Franz Gruber: „Wir erwarten uns, dass sich die Regierung hier einig ist, was sie will. Als Mehrheitsbeschaffer stehen wird nicht zur Verfügung.“

IIG-Geschäftsführer Franz Danler will vorerst nicht zur Causa Stellung nehmen: „Zuerst muss der Bauausschuss entscheiden und dann müssen wir erst die Mieter informieren.“ Egal, ob Abbruch oder Aufstockung: In beiden Fällen, so heißt es, wird an einer (temporären) Absiedlung der derzeitigen Bewohner kein Weg vorbeiführen.


Kommentieren


Schlagworte