Flüchtlingsschicksale in Catania: „In Mali gibt es keine Zukunft“

Catania (APA) - Suleiman ist 25 Jahre lang und kommt aus Mali. Drei Tage lang verbrachte er im Mittelmeer an Bord eines aus Tripolis abgefah...

Catania (APA) - Suleiman ist 25 Jahre lang und kommt aus Mali. Drei Tage lang verbrachte er im Mittelmeer an Bord eines aus Tripolis abgefahrenen Flüchtlingsbootes, bevor er von einem Frachtschiff gerettet und in den Hafen Catania gebracht wurde. „Ich will nach Paris, wo ich Bekannte habe. In Mali gibt es keine Zukunft, Europa ist die Rettung“, sagt Suleiman.

Mehrere Wochen lang musste Suleiman vor der Abfahrt in Libyen ausharren. Er ist einer der 194 Flüchtlinge, die am Dienstag in Catania eingetroffen sind. Zu ihnen zählen auch 18 Frauen und zwei Minderjährige. Bei ihrer Ankunft in Catania war Grünen-Chefin Eva Glawischnig anwesend, die sich gemeinsam mit dem Grünen EU-Abgeordneten Michel Reimon und Menschenrechtssprecherin Alev Korun ein Bild der Lage der Bootsflüchtlinge an Ort und Stelle machen wollte.

Aus dem Frachtschiff wurden fünf Särge abgeladen. „Es könnte sich noch um Menschen handeln, die bei der großen Flüchtlingstragödie mit über 800 Toten vor zwei Wochen ums Leben gekommen sind“, vermutet ein Sprecher des italienischen Zivilschutzes im Gespräch mit der APA. Bei Temperaturen von bis zu 30 Grad stehen die Flüchtlinge geduldig Schlange, um ihre Fingerabdrücke abzugeben und identifiziert zu werden. Der Geruch ist stark, das Personal des Zivilschutzes und des Roten Kreuzes hat alle Hände voll zu tun. Viele Flüchtlinge haben bei der Überfahrt ihre Schuhe verloren, die meisten tragen nur noch zerfetzte T-Shirts. In gebrochenem Französisch berichten sie über Verzweiflung, Gewalt und Hoffnungen auf ein besseres Leben in Europa.

„Wenn ich nur gewusst hätte, dass die Reise so hart sein würde, wäre ich nie abgefahren. Freunde hatten mir berichtet, dass es einfach sei, nach Libyen und dann nach Europa zu gelangen. Ich bin Christin, die Lage ist in meiner Heimat Nigeria für uns nicht einfach. Ich habe mein Jus-Studium nicht abschließen können, denn das Geld genügte nicht. So habe ich beschlossen, die Reise nach Europa zu wagen. Ich habe eine Bekannte in Deutschland, die ich gern erreichen würde, doch wenn ich gewusst hätte, dass alles so schwierig sein würde, hätte ich all dies nie unternommen“, berichtet die 25-jährige Joy, eine magere junge Frau mit eng geflochtenen Haaren, die allein die Reise nach Sizilien geschafft hat.

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„Niemand hatte uns davor gewarnt, dass die Lage in Libyen so dramatisch sein würde. Ich habe ein Jahr lang als Putzfrau gearbeitet, um das Geld für die Reise aufzutreiben. In Tripolis wird täglich geschossen. Ich bin nur dank Gottes Hilfe noch am Leben. Vor allem für Frauen ist die Lage in Libyen dramatisch. Sie werden schikaniert und zur Prostitution gezwungen“, berichtet Joy in gutem Englisch. In Europa will sie ihr Studium abschließen. „Wenn sich die Lage gebessert hat, kehre ich wieder nach Nigeria zurück“, versichert die junge Frau und schaut dabei auf ihre Hand, auf der eine Identifizierungsnummer steht.

Zu den zehn Frauen, die in Catania eingetroffen sind, zählt die 25-jährige Edvige aus Cote d‘Ivoire (Elfenbeinküste). In der Heimat hat sie drei Kinder - zwei Buben und ein Mädchen - gelassen. „Ich habe sie Verwandten anvertraut. Meine Mutter ist auf brutalste Weise ermordet worden. Daraufhin habe ich beschlossen, dass ich weg wollte, um in Deutschland Arbeit zu finden. Ich bin Friseurin und kann hart arbeiten“, berichtet die Frau in gebrochenem Französisch. Erschöpft, geschockt und tränenüberströmt erzählt sie von ihrer Irrfahrt von der Heimat bis Tripolis und von der Überfahrt nach Sizilien. „Die Tage an Bord des Bootes waren erschreckend. Es war eine Erlösung, als uns das Frachtschiff an Bord genommen hat“, meint sie.

Nach Deutschland, oder gar nach Schweden will auch der aus Guinea stammende Ibrahim. „Die Fahrt war sehr schwierig, zum Glück war die Wetterlage gut. Ich habe mein Land verlassen, weil ich einer verfolgten Volksgruppe angehöre. Ich habe Bekannte in Deutschland. Ich hoffe, dass ich jetzt weiterreisen kann“, meint Ibrahim.

„Wenn man diese Menschenschicksale direkt von den Migranten erzählt bekommt, wird die Flüchtlingsproblematik plötzlich etwas ganz Persönliches. Man begreift, was diese humanitäre Katastrophe für die Betroffenen wirklich bedeutet. Man wird sich dieses Irrsinns noch mehr bewusst“, meint die Grüne Nationalratsabgeordnete Korun. Die Grünen führen in Catania mit Helfern Gespräche. Dabei geht es auch maßgeblich um ihre Einschätzung, wie die Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer verhindert werden können und was es braucht, um die von der gefährlichen Seefahrt gezeichnete Flüchtlinge menschenwürdig und solidarisch zu versorgen.


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