56. Kunstbiennale: Überwachung, Ressourcen, Flucht in die Zukunft

Venedig (APA) - Schon am Vormittag ist es drückend heiß in Venedig, Touristen wie Biennale-Besucher strömen dicht gedrängt über die schmalen...

Venedig (APA) - Schon am Vormittag ist es drückend heiß in Venedig, Touristen wie Biennale-Besucher strömen dicht gedrängt über die schmalen Brücken. Während man einander auch in den Giardini auf die Füße tritt, ist es in den Außen-Pavillons in der Stadt gespenstisch ruhig. Dabei gibt es hier das eine oder andere zu entdecken.

Simon Dennys „Secret Power“ etwa versteckt sich direkt am Markusplatz im ersten Stock der Biblioteca Nazionale Marciana. Zwischen alten Gemälden und Globen nähert sich der Neuseeländer der Welt, wie sie sich seit Edward Snowdens NSA-Enthüllungen verändert hat. „Der Ausstellungsraum erlaubt es ‚Secret Power‘, die Verbindungen zwischen dem 16. und 21. Jahrhundert aufzuzeigen, die Rolle von nationalen Projekten zu hinterfragen und wie sie sich zur Idee von Nationalität und Autorität verhalten“, so die Neuseeländische Kommissärin Heather Galbraith in den Unterlagen. Die künstlerischen Installationen, die sich oft nicht auf den ersten Blick erschließen, stehen in Vitrinen, die normalerweise als Gehäuse von Daten sammelnden Servern dienen, jeweils ein verkabelter Server bildet den Sockel. Einen direkten Bezug auf die Enthüllungen nimmt Denny in einer Installation, in der er geleakte Dokumente, darunter Karten und Grafiken, in kleine Glasplatten graviert hat und somit eine Musealisierung der Daten vollzieht.

Auf die gegenwärtige Realität beziehet man sich auch im Pavillon der Ukraine: Ein von allen Seiten einsehbarer Glaskubus direkt am Wasser auf dem Weg zwischen Arsenale und Giardini steht unter dem Motto „Hope“ - Hoffnung. Bespielt wird er von jungen ukrainischen Künstlern. Zhanna Kadyrova zeigt in „Crowd. Day“ Titelseiten internationaler Zeitungen, aus denen sie Schlagzeilen und Titelfotos entfernt hat. Stattdessen finden sich auf den Seiten Collagen von ausschließlich erfreulichen Zeitungsfotos: Prominente mit Kindern, Sportler im Moment des Sieges oder Gruppenfotos lächelnder Menschen. Auch die Willkür der Justiz findet ihren Platz in der Schau: Während Anna Zvyagintseva einen mannshohen Plüschkäfig ausstellt, thematisieren Yevgenia Belorusets mit „Please don‘t take my picture! Or they‘ll shoot me tomorrow“ und das Kollektiv Open Group mit „Synonym for wait“ die staatliche Überwachung. Dazugehörige Texte erzählen etwa von einem Videoblogger, der nach Spionagevorwürfen in Gefangenschaft geraten ist. Eine Live-Installation überträgt Bilder von Überwachungskameras.

Weitgehend frei von aktuellen Bezügen ist unterdessen der russische Pavillon in den Giardini, dessen Fassade heuer grün gestrichen wurde. Den „Green Pavillon“ bespielt die 1955 geborene Künstlerin Irina Nakhova, die sich einerseits auf ihr eigenes Werk (ihre in den 1980er Jahren entstandene Serie „Rooms“) bezieht und andererseits auf den Architekten des 1914 erbauten Pavillons, Aleksei Shchusev, eingeht. Während im Erdgeschoss mithilfe einer Projektion Zeichnungen von Entwürfen des Architekten zum Leben erweckt werden, erwartet den Besucher im ersten Stock der überdimensionale Kopf eines Kampfpiloten. Hinter der Maske sind in einer Projektion allerdings die Augen der Künstlerin zu sehen, die furchtsam nach oben blickt - ob dies als kritischer Seitenhieb auf militärische Aktionen Russlands zu verstehen ist, bleibt offen. In den großen, verdunkelten Hauptsaal ist eine Glasfläche eingelassen, die den Blick auf die im Erdgeschoss wandelnden Besucher freigibt. Der letzte Raum schließlich ist vollkommen mit abstrakten Malereien in zwei Farben bedeckt: „Zwei der signifikantesten Farben der russischen Kunstgeschichte: Revolutions-Rot und Perestroika-Grün“, heißt es dazu im Begleittext.

In den Reigen der vielfach auf der Biennale vertretenen Projektionen stimmt auch Korea ein: Die beiden Künstler Moon Kyungwon und Jeon Joonho verwandeln ihren Pavillon zwischen Deutschland und Japan in ein futuristisches Laboratorium. In mehreren parallel laufenden Filmen loten sie ein an ein Videospiel gemahnendes Zukunftsszenario aus. Thema von „The ways of folding space & flying“ ist laut Begleittext „die menschliche Sehnsucht, physische Barrieren und Strukturen trotz der Absurdität dieser Vorstellung zu überwinden“. Auch im Pavillon von Ecuador, der sich im Hinterhof einer Kirche in Venedig befindet, summen die Projektoren: In „Gold Water: Apocalyptic Black Mirrors“ thematisiert die Künstlerin Maria Veintemilla jene zwei Ressourcen, die in Ecuador für Reichtum sorgen: Wasser und Gold. Neben den Videos von flüssigem Gold werden großformatige Fotos von mit Goldstaub eingeriebenen Menschen zu nachdenklichen Arbeiten über die Verteilung von Wohlstand.

Überwachung, Ressourcenverschwendung, die Flucht in die Zukunft: Die Länderpavillons folgen dem Motto dieser Biennale und entwerfen „all the World‘s Futures“.

(S E R V I C E - 56. Kunstbiennale Venedig: 9. Mai bis 22. November, www.labiennale.org)


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