Heikle Metaphern: Expertenkritik an Sprache in Flüchtlingsdebatte

Berlin (APA/dpa) - In der Debatte über Flüchtlinge wird zum Teil mit heiklen Begriffen hantiert. Da ist von einer „Flut“ oder einer „Welle“ ...

Berlin (APA/dpa) - In der Debatte über Flüchtlinge wird zum Teil mit heiklen Begriffen hantiert. Da ist von einer „Flut“ oder einer „Welle“ die Rede oder auch von „Wirtschaftsflüchtlingen“. Solche Metaphern haben nach Expertenansicht eine gefährliche Wirkung.

Die Wortwahl in der Flüchtlingsdebatte stößt unter Experten auf Kritik. Einige Politiker setzten Sprache zum Teil gezielt ein, um Ängste in der Bevölkerung zu schüren, sagte Lann Hornscheidt der Deutschen Presse-Agentur. Hornscheidt forscht an der Berliner Humboldt-Universität zu Sprachanalyse. Immer wieder würden Metaphern für Naturkatastrophen genutzt, etwa Begriffe wie Flüchtlingswelle oder Flüchtlingslawine.

„Naturkatastrophen zeichnen sich dadurch aus, dass wir Menschen sie nicht beeinflussen können und sie uns buchstäblich überrollen“, sagte Hornscheidt. „Diese Metaphern wirken auf einer unbewussten Ebene, weil dadurch in den Köpfen der Menschen Bilder von großer Bedrohung entstehen. Das löst Ängste aus.“ Gezielt auf diese Wirkung zu setzen, sei verantwortungslos.

„Außerdem redet man mit Hilfe solcher Begriffe über ein Kollektiv, nicht über Individuen“, erklärte Hornscheidt. „Das verhindert Empathie.“ Es würden Bilder aufgebaut von einer riesigen Gruppe, die kaum zu fassen sei. Einzelschicksale kämen da nicht vor. „Diese Metaphern werden schon seit den 70er Jahren in der Flüchtlingsdebatte in Deutschland benutzt.“ Die Begriffe hätten sich inzwischen im allgemeinen Sprachgebrauch festgesetzt.

Durch Worte wie „Wirtschaftsflüchtlinge“ werde der Eindruck erweckt, als flüchteten Menschen aus einem Luxusdenken heraus - und nicht wegen existenzieller Not. Auf der anderen Seite gebe es auch beschönigende Begriffe wie „Willkommenszentren“. Die EU-Staaten diskutieren derzeit über die Einrichtung solcher Zentren für Flüchtlinge in Nordafrika. Bereits dort soll die Entscheidung fallen, wer legal nach Europa kommen darf und wer in seine Heimat zurückkehren muss. Hornscheidt sagte, der Begriff sei euphemistisch und höhnisch. Schließlich gehe es um eine Abschottung Europas und keineswegs um eine Willkommenskultur.


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