Wassertreten im Meer aus Schuld

Arbeit, Geld, Ausbeutung, Krieg, Ungerechtigkeit: In Okwui Enwezor Biennale-Ausstellung „All the world’s futures“ entsteht die Kunst auf den Trümmern der Gegenwart.

© PAP

Von Ivona Jelcic

Venedig –Vom Ort des Innehaltens, den der diesjährige Kurator der Biennale-Ausstellung, Okwui Enwezor, mit „All the world’s futures“ entworfen haben will, kann man jedenfalls an den Preview-Tagen nur träumen. Da wird geschoben und gedrängelt, möglichst viel Kunst in möglichst kurzer Zeit inhaliert, weiter in den nächsten Raum, zum nächsten Werk, zum nächsten Drama geeilt. Dabei hat man sich gerade in den Giardini einige Mühe gegeben, den Strom zu bremsen: Der zentrale Pavillon ist mehr als Diskurs-Plattform denn als Ausstellungshaus angelegt, in einer von Architekt David Adjaye konzipierten Arena wird täglich „Das Kapital“ von Karl Marx gelesen, ist Olaf Nicolais von Luigi Nonos Komposition „Una volto, e del mare/Non consumiamo Marx“ inspirierte Performance zu sehen, lässt Jeremy Deller Arbeiterlieder des 19. Jahrhunderts singen.

Man muss gar nicht zwingend Enwezors als Inspirationsquelle genannten „Angelus Novus“ von Paul Klee hinnehmen, um sicher sein zu können: Die Gegenwart ist düster und die Kunst, die aus ihr entsteht, politisch. Dazu spuckt Christian Boltanskis „L’homme qui tousse“ reichlich Blut und serviert Glenn Ligon über dem Pavillon-Eingang die leuchtende Aufschrift „blues blood bruise“.

Von Andreas Gursky fotografierte „Arbeitswelten“ und von Jeremy Deller untersuchte Arbeitsbedingungen vom England des 19. Jahrhunderts bis zum Amazon-Zeitalter, Bilder vom und Werkzeug für den Protest – man wird diesen Themen auch im Arsenale immer wieder begegnen, wo nicht weniger als das Gesamtwerk des 2014 verstorbenen Filmemacher Harun Farocki gewürdigt wird.

Im künstlerischen Welterklärungsanspruch lauert freilich eine gewisse Pathos-Gefahr. Doch die lässt sich manchmal auch mit den eigenen Waffen schlagen: Der aus Ghana stammende britische Kunstfilmer John Akromfahs weiß die Erhabenheit hyperästhetischer Naturfilm-Bilder für eine aufwühlende Parabel über gesellschaftliche Konflikte und menschliche Abgründe zu nutzen, die er in „Vertigo Sea“ im Ozean spiegelt: die Apokalypse, getarnt als überwältigender Bilderrausch. Konzeptueller begegnet die Italienerin Rosa Barba den Fragen nach territorialem Anspruch und kultureller Begegnung, während der Nigerianer Karo Akpokiere in seinen an der Comic-Ästhetik geschulten Zeichnungen auch kontinentale (Miss-)Verhältnisse thematisiert. Und zwar durchaus mit Humor, wenn er etwa Europa einen Brief an Afrika schreiben lässt.

Auf den Trümmern der Gegenwart entstehen freilich auch weitaus drastischere Zukunftsbilder, man findet viele davon im Arsenale, wo Bruce Naumans „American Violence“ auf aus überdimensionalen Messern bestehende Skulpturen des Algeriers Adel Abdessemed trifft und Monica Bonvinics ölig schwarze Motorsägen wie Fetische von der Decke hängen. Kunst kann die Welt auch nicht retten – aber sie kann Filter anbieten, um auf sie zu schauen. Diesem Credo folgend werden etwa auch Glocken geläutet, Farbexplosionen gezündet, ganze Mauerwerke in Jute gehüllt. Es ist eine mitunter recht krude Mischung aus künstlerischen Weltbildern, die da zusammentrifft. Den zarten Gegensatz zu allerlei Materialschlachten bilden zum Beispiel Olga Chernyshevas Zeichnungen zur Zweisamkeit eines Vogelpärchens oder von Menschentürmen auf Rolltreppen.

Die europäisch-amerikanische Perspektive vieler vergangener Biennalen hat Enwezor in „All the world’s futures“ zugunsten eines weiter gefassten Kunst-Blicks verlassen, eine ganze Reihe von Künstlern kommt gerade auch aus den aktuellen Krisenregionen. Was dazu beiträgt, dass diese Biennale zu einer der politischsten seit Langem wird. Mit Fabio Mauris im Zentralpavillon aufgetürmter Installation aus alten Koffern oder Carsten Höllers in den Giardini aufgebautem Slow-Motion-Karussel hat man auch poetische Sinnbilder für ein Welten-Puzzle gefunden, das sich auf verschiedene Arten zusammensetzen lässt. Und irgendwie doch unlösbar bleibt.

Während die Zukunft also ungewiss bleibt, lässt sich Vergangenes leichter einordnen: Es steht in den Giardini kopflos, inhaltslos, fragmentiert oder völlig ausgehöhlt auf schwarzen Sockeln. Das Raqs Media Collective hat für das Gelände Denkmäler gebaut, die dekonstruieren, anstatt zu heroisieren. Und die den steingewordenen Herrschern durchaus menschliche Regungen zugestehen – etwa die Angst, ausgelacht zu werden, die einen dieser Helden laut Inschrift zeitlebens begleitet hat.

Bis 22. November.


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