Salzburg vor großer Gluck-Premiere: „Die Musik trägt das Wort“

Salzburg (APA) - Moshe Leiser und Patrice Caurier gelten als Cecilia Bartolis Hausregisseure bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Das seit...

Salzburg (APA) - Moshe Leiser und Patrice Caurier gelten als Cecilia Bartolis Hausregisseure bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Das seit 1982 ausschließlich gemeinsam auftretende, belgisch-französische Regie-Paar hat für die singende Intendantin „Giulio Cesare“, „Norma“ und „Otelo“ auf die Haus-für-Mozart-Bühne gebracht. Ab 22. Mai steht Glucks Reformoper „Iphigenie en Tauride“ auf dem Spielplan.

APA: Meine Herren, Sie haben dieses Werk vor rund 25 Jahren in Frankfurt und dann in Cardiff inszeniert. Hat sich Ihre Sicht auf diese Oper seither verändert?

Leiser: Sehr sogar. Damals hatten wir eine abstrakte, fast choreografische Sicht auf dieses gewalttätige Antiken-Drama. Das geht heute nicht mehr. Denn die Gewalt auf der Welt hat sich ausgebreitet und ist alltäglicher geworden. Daher haben wir dieses Stück über Menschen in Extremsituationen konkreter angelegt. Noch näher am Wort.

APA: Glucks Oper nach Euripides ist 1779 uraufgeführt worden, nur wenige Jahre vor Mozarts „Figaro“. Warum gilt dieser quasi barocke Stoff als Reformoper?

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Leiser: Weil er erstmals die Sprache kompromisslos ins Zentrum stellt. Die Musik ist nicht mehr Selbstzweck, sie trägt das Wort. Gluck beendet die Zeiten, in denen einzelne Silben oder Wortfetzen für unendlich viele Töne herhalten mussten. Hier kommt auf jede Silbe nur eine Note. Alles ordnet sich dem Sinn des Textes unter. Die Melodie ist nur Transportmittel, quasi ein emotionaler Zusatz-Bonus.

APA: Cecilia Bartoli ist als Intendantin ihre Chefin. Wie funktioniert das, wenn Sie ihr als Regisseure Anweisungen auf der Bühne geben?

Caurier: Chefin oder Untergebene, das sind für die Künstlerin Bartoli keine relevanten Kategorien. Diese unglaubliche Musikerin kommt ausnahmslos pünktlich und immer im Kostüm auf die Bühne und legt eine unglaubliche Arbeitskapazität an den Tag. Sie bittet ausdrücklich, keinen Moment lang in Ruhe gelassen zu werden. Das einzige, was Bartoli zu interessieren scheint, ist, sich in ihrer Rolle zu verbessern. Jede Note in ihrem Gesang hat Meinung und nicht nur Schönheit. Sinn durch Musik, das zeichnet diese technisch, künstlerisch und intellektuell einzigartige Frau aus.

APA: In Wien haben Sie zuletzt mit Ihrer „Zauberflöte“ viele sehr negative und mit ihrem „Barbiere di Siviglia“ von Paisiello hingegen begeisterte Kritiken eingefahren. Lagen die Kritiker falsch oder funktioniert Ihre Arbeit eben nicht immer?

Caurier: Glauben Sie es oder nicht, ich lese schon lange keine Kritiken mehr...

Leiser: Ich auch nicht, aber wir wissen tendenziell natürlich trotzdem, was geschrieben wurde. Dazu will ich sagen, dass wir beide Opern nach den gleichen Prinzipien und der gleichen Konsequenz und Intensität bearbeitet haben. Ein Unterschied besteht im Raum und im System. Der „Barbiere“ ist im Theater an der Wien mit einem jungen Ensemble entstanden, das wir zu einem eingeschworenen Team formen konnten. In der Staatsoper geht das nicht. Das liegt nicht an den einzelnen Künstlern, sondern an der Art und Weise, wie alle Beteiligten in diesem riesigen Betrieb arbeiten. Das ist eine Frage des Spirit. Der hat keine Chance, wenn die Mitglieder von Chor, Orchester, Bühne je nach Dienstplan permanent ausgetauscht werden. Zu einer „Zauberflöte“ passt das nicht wirklich. Sollten wir je an die Staatsoper zurückkehren, dann sicher nicht mit einer Ensemble-Oper von Mozart, sondern höchstens mit einem Repertoirestück des 19. Jahrhunderts.

APA: Ist es denn in Salzburg leichter, ein Ensemble zu formieren?

Caurier und Leiser: Viel leichter, gar kein Vergleich.

(Das Gespräch führte Christoph Lindenbauer/APA)

(S E R V I C E - Christoph Willibald Gluck: „Iphigenie en Tauride“, Premiere am 22. Mai im Haus für Mozart im Rahmen der Salzburger Pfingstfestspiele. Regie: Moshe Leiser und Patrice Caurier, musikalische Leitung: Diego Fasolis, Bühne: Christian Fenouillat, Kostüme: Agostino Cavalca. Mit u.a. Cecilia Bartoli, Christopher Maltman, Topi Lehtipuu, Michael Kraus, Rebeca Olvera. www.salzburgerfestspiele.at)


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