Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 17.12.2017


BMW

High-End im Business-Revier

Bayerischer Naturbursch oder doch Münchener Schickeria? Im neuen BMW M5 eskaliert die Leistung, aber auch der Spieltrieb – und zudem hält der Allradantrieb Einzug ins Modell.

© WerkBlaue Sau, wenn man ihn lässt: Der neue M5 deckt das Erlebnisspektrum von sanfter Power bis zum brachialen Haudrauf ab.



Von Stefan Pabeschitz

Estoril – Der erste M5 mit 286 PS aus dem von der Rennflunder M1 entliehenen Reihensechszylinder gab die Premiere in Sachen sportliche Hochleistungslimousinen – noch so verschämt, dass es nicht einmal Prospekte gab und er nur auf Anfrage zu ordern war. Die ab 1988 gebaute Nummer zwei war schon selbstbewusster, noch ein wenig stärker und auch schon als Kombi im regulären Angebot. Die dritte Generation knackte mit einem 5-Liter-V8-Saugmotor erstmals die 400-PS-Grenze, der Nachfolger von 2005 legte noch zwei Zylinder plus mehr als 100 PS drauf und heimste wegen seines heillos überforderten Antriebsstranges den Ruf als wütendes Monster ein. Die letzte Version debütierte 2011 und war eine hysterische, mit ihren 560 PS aus einem Twin-Turbo-V8 ständig um Grip ringende Zicke.

Der jüngste Spross will dieser Ahnenreihe von Charakterköpfen nicht nachstehen und versucht sich als hochtechnisierter Verwandlungskünstler, der sich per Knopfdruck schrittweise vom schnurrenden Zimmertiger bis zur wilden Bestie reizen lässt. Die Motorbasis mit dem 4,4-Liter-V8 ist die gleiche geblieben, mobilisiert jetzt aber 600 PS und gewaltige 750 Newtonmeter Drehmoment, die schon ab 1800 Touren anliegen und bis 5500 nicht abreißen. Die größte Neuerung unter dem Blech ist zugleich ein Bruch mit einem der letzten Markendogmen, die BMW noch hatte – und nach Vorderrad-Minivans und Dreizylinder-Motoren war nicht mehr viel übrig, was noch an Traditionen über Bord gehen hätte können. Also kommt der neue M5 nun erstmals mit Allrad. Die Markenehre rettet aber, wie unglaublich hecklastig sich das Ding damit fährt – der Grip kommt an den Vorderrädern zumindest gefühlt nur in homöopathischen Dosen an, während an der Hinterachse eindeutig die Musi spielt.

Wer es wirklich wissen will, kann als eine der zahllosen Ein- und Verstelloptionen an Motormanagement, Lenkung, Fahrwerk, Schaltfrequenzen und Antrieb schließlich auch den Allrad kappen – das heißt, den ganzen Schub auf die hinteren Räder wuchten. Die wenigen Fortgeschrittenen unter den M5-Kunden wird das freuen. Der Rest bekommt für sein Geld eine hochmotorisierte Playstation auf vier Rädern, in der sich verschiedene Traktionsfenster per Knopfdruck definieren und sogar mittels zweier roter Tasten am Lenkrad direkt abrufen lassen. Dass das ziemlich steril und in kühler Abgehobenheit stattfindet, verbessern die in der Standard-Einstellung offenen Auspuffklappen nur marginal – und auch sie lassen sich auf Knopfdruck zum Schweigen bringen. So einen Schalter wünscht man sich auch für die Klangkulisse im Innenraum, wo ein motorähnliches Geräusch aus den Lautsprechern eingespielt wird. Weil der V8 wegen der Zylinderbank-übergreifenden Abgaskrümmer das dumpfe Bollern seiner konservativ ausatmenden Verwandten verloren hat, befand BMW diese Instant-Lösung leider für adäquat. Wer die künstliche Schauer-Akustik zumindest mental ausblenden kann und sich durch die vielen Verstellmöglichkeiten und besonders die Traktions- und Fahrmodi arbeitet, bekommt immerhin einen schönen Eindruck, was das schrittweise Lichten diverser Rettungsanker eigentlich bewirkt und wie die reine Fahrphysik nach und nach wieder Raum erobert. Der sollte dann auch in der Praxis zur Verfügung stehen – etwa in Form einer Rundstrecke mit viel Auslauf rundherum.

Wer die mindestens 149.500 Euro lockermachen kann, die BMW für sein neues Hightech-Paket M5 ausruft, findet aber vielleicht auch noch den einen oder anderen Euro, um sich für ein paar Runden auf einer Rennstrecke einzumieten. Um darauf zu sparen, dafür ist noch bis zum Marktstart im Frühjahr 2018 Zeit.




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