Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 12.02.2018


TT-Interview

VW kündigt Händlerverträge

Autohändler Erwin Cassar im TT-Gespräch über den Abgasskandal, die Zukunft der Mobilität und Affen, die vor dem Käfig sitzen.

© Visualisierung: VowaDie Vowa wird ihren Standort an der Haller Straße für die Marken Skoda und Seat erweitern.



Wie geht es Ihnen nach zwei Jahren Abgasskandal?

Erwin Cassar: Es geht mir wieder gut. Am Beginn war es definitiv ein Schock. Aber die Thematik hat sich relativ schnell versachlicht. Und vor allem sind uns unsere Kunden treu geblieben. Das zeigt allein die Tatsache, dass wir unsere Verkäufe in den letzten beiden Jahren jeweils steigern konnten. Aber der Aufwand war natürlich enorm. Wir haben allein im Raum Innsbruck bei 10.000 Fahrzeugen ein Software-Update gemacht.

Erwin Cassar (Vowa-Chef): „Wir haben allein im Raum Innsbruck bei 10.000 Fahrzeugen Software-Updates gemacht.“
- porsche

VW wurde dafür kritisiert, dass es keine Umrüstung der Hardware gegeben hat.

Cassar: Das wäre nicht wirklich zielführend gewesen. Schon allein die Freigabe vom deutschen Kraftfahr-Bundesamt hätte viel zu lange gedauert. Es gibt keine schnelle Lösung mit einer Hardware. Und die neuen Autos mit Abgasnorm Euro 6 mit SCR-Katalysator, bei dem Harnstoff zur nochmaligen Nachverbrennung eingesetzt wird, sind saubere Diesel, dazu stehe ich.

Was haben Sie sich gedacht, als die Abgas-Versuche mit Affen bekannt wurden?

Cassar: Mein erster Gedanke war, da sind die wahren Affen aber vor dem Käfig gesessen. Man muss aber wissen, das dies von einer Organisation gemacht wurde, die auch als Lobbyist arbeitet. Und ich kann Ihnen versichern, Matthias Müller, unser Vorstandschef, war entsetzt.

Der VW-Konzern stellt sich, wie Aussendungen zu entnehmen ist, völlig neu auf. Ein Teil davon ist, dass alle VW-Händler neue Verträge bekommen.

Cassar: Das ist ein ganz normaler Vorgang. Die Verträge werden den neuen Entwicklungen angepasst, speziell auch für den Bereich der Elektromobilität. Da ist ein konstruktiver Prozess im Gange, zwischen Hersteller, Importeur und Händlern.

Wie sieht es bei den Neuzulassungen von Dieselfahrzeugen in Tirol aus?

Cassar: Einen Rückgang gibt es nur bei Klein- und Kompaktwagen. Hier sind wir inzwischen bei den Neuzulassungen auf einem Anteil von rund 36 Prozent. Und das macht auch Sinn, weil es hier neue TSI-Dreizylinder-Motoren gibt, die sehr leistungsstark sind und geringe Emissionen haben. Wenn ich aber in die Oberklasse schaue, wie zum Beispiel bei Audi, da sind es immer noch 72 Prozent. Bei VW haben wir immer noch über 60 Prozent.

Hat der Verbrennungsmotor überhaupt noch eine Zukunft?

Cassar: Definitiv, es wird den Diesel als Teil von verschiedenen Antriebsvarianten noch lange brauchen. Wir werden in Zukunft auch noch weitere Entwicklungen beim Diesel erleben, parallel zu allen anderen Entwicklungen.

VW hat angekündigt, bis 2030 rund 20 Mrd. Euro in E-Mobilität zu investieren.

Cassar: Die Abgasthematik hat die ja schon länger laufende Debatte um alternative Antriebe noch einmal enorm beschleunigt. VW wird ab 2019 die ersten reinen Elektroautos als eigene Entwicklung auf den Markt bringen, und das bei allen Konzernmarken. Und das beschleunigt sich bis 2025 enorm. Da wird es jedes Jahr etwas Neues geben. Zudem freut es mich, dass in Zukunft die Pallette von Erdgas-Autos ausgebaut wird. Für mich ist das derzeit die umweltfreundlichste Antriebsform. Leider gibt es hier noch immer viele unbegründete Ressentiments. Hier braucht es auf jeden Fall enorm viel Beratungs- bzw. Aufklärungsarbeit.

Carsharing-Modelle, autonomes Fahren — bereits jetzt beginnt sich unser Zugang zu Mobilität als Ganzes zu verändern.

Cassar: Ich glaube, dass der Begriff autonomes Fahren noch viel zu hoch greift. Es wird vor allem um unterstütztes Fahren gehen, was vor allem einer erhöhten Verkehrssicherheit dient. Was Carsharing betrifft, sind die Erwartungen derzeit ebenfalls noch zu hoch. Das wird zurzeit vorwiegend in den großen Ballungsräumen versucht, aber, wie ich sehe, mit eher geringem Erfolg. Aber natürlich arbeiten alle Hersteller an solchen Projekten. Und wenn das für uns hier in Tirol darstellbar ist, dann werden wir das sicher auch machen. Grundsätzlich wird der Individualverkehr in den Ballungsräumen eine geringere Rolle spielen. Innsbruck ist hier als kleine Stadt weniger betroffen, aber in den ganz großen Städten sieht man schon, hier hat man einfach eine Grenze erreicht. Man wird alternative Konzepte brauchen und die werden auch kommen.

Das Gespräch führte Hugo Müllner

VW kündigt Händlerverträge

Wolfsburg — VW will sein Händlernetz straffen und die Kosten für das Geschäft in den Autohäusern kräftig senken. Ob und wie viele Händlerbetriebe wegfallen, ist offen, erklärte Generalimporteur Porsche Austria im Herbst. VW will erst mit den Betroffenen sprechen. In Österreich werden mit 1. Quartal 2018 die Verträge mit den Händlern gekündigt und neu aufgesetzt. Derzeit hat VW 109 Händler in Österreich.

Profitabilität und Effizienz ließen sich im Schnitt um zehn Prozent steigern, erklärte dazu VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann. Als Beispiel führte er schnellere Werkstattdurchgänge an: Mit Hilfe von neuer IT könnten 60 bis 70 Prozent der Zeit eingespart werden. VW will den Händlern nicht mehr vorschreiben, wie viele Menschen sie beschäftigen müssen. Autohäuser könnten so auch die Belegschaft verkleinern. Die Rendite der Autohäuser soll sich ebenfalls um zwei Prozent erhöhen. (TT)