Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 04.03.2018


Motor News

Wenn Träume fliegen lernen

Braucht ein Cabrio wirklich 600 PS ? Der Ferrari Portofino beantwortet diese Frage eindeutig: Ja – warum auch nicht?

© Neuauflage von Ferraris Gran Turismo Coupé-Cabrio: Für das Design des Portofino stand die 70er-Jahre Ikone Daytona Pate.Fotos: Hersteller



Von Stefan Pabeschitz

Apulien – Wovon träumen Menschen am häufigsten? Geld, Macht, ein Leben unter der Sonne? Wer es bei den Sehnsüchten gern kompakt hat, kann sie in diesem Fall auf den Ferrari Portofino konzentrieren – weil er für all das steht. 242.371 Euro teuer, mächtige 600 PS unter der schönen Haube und auf Knopfdruck offen. Was die Edelschmiede aus Maranello vor zehn Jahren mit dem California begonnen hat, findet nun im Portofino seine in jedem Detail verbesserte Fortsetzung. Es ließe sich seitenlang in Zahlen und Fakten über die Perfektionierung der Technik schwadronieren: gegenüber dem Vorgänger 80 Kilo weniger, hinten 5 Zentimeter mehr Fußraum, 40 PS Leistungszuwachs, 0,4 Sekunden weniger von null auf zweihundert, elektronisches Differenzial, optimiertes Kolbendesign, blabla. Ein beherzter Deutschlehrer würde urteilen: Themaverfehlung! Weil nichts davon auch nur annähernd das wiedergibt und mitteilt, worum es bei diesem Auto wirklich geht: dass es ein Ferrari reinsten Blutes ist, der sich auch genauso anfühlt, anhört und fährt.

Es beginnt, wie immer im Leben, bei den Äußerlichkeiten. Der California war fesch, keine Frage. Der Portofino ist praktisch perfekt. An ihm passt jedes Detail. Die Proportionen ausgewogen, Rundungen dort, wo sie hingehören, Kanten da, wo sie stimmig sind. Eine geschlitzte Flanke, die nicht nur schnittig wirkt, sondern auch die seitlichen Luftströme führt.

Die kurzzeitig einmal wahnsinnig beliebte Gattung der Blechfaltdach-Cabrios ist inzwischen wieder ziemlich out – Ferrari steht aber fest dazu. Tatsächlich darf der Portofino dieses Thema ungestraft weiterhin bespielen – weil er als Coupé ebenso überzeugend ist wie offen. Und weil es 600 Gründe gibt, ihn in beiden Zuständen uneingeschränkt zu lieben. Diese PS-Zahl liefert der aus dem 488 entliehene V8-Biturbo im Dienste des uneingeschränkten Fahrgenusses. Für die artgerechte Anwendung in einem feingewuchteten Gran Turismo wurde das Aggregat liebevoll überarbeitet, gibt sich betont harmonisch in der Kraftentfaltung und ist dennoch ein Pulsbeschleuniger erster Güte geblieben.

Wenn die Ferrari-Leute davon reden, wie dezent der Auspuffsound diesmal komponiert wurde, meinen sie das vielleicht sogar ernst. Das kurze Aussetzen des Herzschlages beim Drücken des Startknopfes ist sogar alles andere als unangenehm. Ein Ferrari-Motor erwacht nun einmal nicht klammheimlich, warum sollte er auch? Kupplung und Schaltknüppel waren einmal – schade zwar, aber so präzise und flink, wie die Doppelkupplungs-Automatik die sieben Gänge sortiert, ist das Umrühren in der wunderschönen, aber leider immer hakeligen Schaltkulisse ohnehin nie jemandem gelungen. Seidenweiches Anrollen oder gehetztes Ausreißen der Hinterachse vom Stand weg – der Portofino beherrscht beide Disziplinen perfekt. Ebenso wie jede gewünschte Bewegungsart zwischen entspanntem Cruisen und heißem Ritt. Der Einsatz von Technik am Limit des derzeit Machbaren mag enorm sein – ihr größter Verdienst ist aber, dass sie ein Fahrgefühl zulässt, in dem Flieh- und Zugkräfte, Kraftüberschüsse und Drehmomente spürbar sind wie anno dazumal. Andere Hersteller vasektomieren genau das konsequent und schaffen damit sterile Perfektion – Ferrari kultiviert es auf höchster Stufe. Jeder Gasstoß, jede Lenkbewegung, jeder Druck aufs Bremspedal rühren auf herrliche Art an allen Nervenenden, weil diese Maschine es auf wundersame Weise schafft, sich mit ihnen zu verbinden.

So gesehen beantwortet sich die eingangs gestellte Frage genau genommen so: Es sind nicht allein die 600 PS, die es braucht. Es kommt auch auf alles andere rundherum an.




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