Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 05.05.2018


TT-Interview

„Verbrenner gibt es noch lange“

Porsche-Vorstandsvorsitzender Oliver Blume glaubt an die Zukunft des Diesels, nimmt mögliche US-Strafzölle der USA ernst und will mit Staatsanwälten kooperieren.

© HöschelerPorsche-Chef und VW-Konzern-Produktionsvorstand Oliver Blume versichert, dass auch in Zukunft jedes Porsche-Modell ein Lenkrad haben wird – trotz aller Fortschritte beim autonomen Fahren.



Sie sagten, Porsche ziehe sich vorübergehend vom Dieselmotor zurück — ist das doch der endgültige Abschied?

Oliver Blume: Der Diesel spielt bei Porsche traditionell eine untergeordnete Rolle. Unser Dieselanteil lag 2017 weltweit bei zwölf Prozent. Aktuell ist die Nachfrage nach Dieselmodellen rückläufig; das Interesse gerade an Hybridmodellen steigt hingegen stark. Beim neuen Panamera etwa liegt die Hybrid-Quote in Europa bei rund 60 Prozent. Vor diesem Hintergrund und im Zuge anstehender Modellwechsel haben wir derzeit keinen Diesel im Angebot. Das bedeutet allerdings keinen Dieselausstieg. Auch in Zukunft haben wir Dieselmodelle in Planung.

Der Diesel war doch bei Porsche immer schon umstritten — warum verzichten Sie nicht völlig darauf, da Sie ja Plug-in-Hybride haben?

Blume: Bei uns zählt, was der Kunde wünscht. Es gibt große Unterschiede zwischen Plug-in-Hybriden und Dieselmotoren. Der Hybrid ist sparsam und dient dem emissionsfreien Fahren in den Städten — und auf der Landstraße oder der Autobahn ist das Boosten mit dem Elektroantrieb eine tolle Eigenschaft. Der Diesel hingegen hat Vorteile bei schwereren Fahrzeugen wie dem Cayenne, für Vielfahrer und auf langen Strecken.

Wann erhält der Cayenne wieder einen Dieselmotor?

Blume: Unsere gestaffelte Aggregate-Einsatzplanung sieht einen Diesel für den Cayenne in den nächsten Monaten vor.

Gilt das dann auch für den überarbeiteten Macan?

Blume: Wie bei allen anderen Modellen kommen auch beim Macan erst die Benzinmotoren. Danach ist es möglich, dass ein Diesel folgt.

Ein Manager von Porsche sitzt in U-Haft — ist Ihr Unternehmen doch stärker in den Dieselskandal involviert?

Blume: Die staatsanwaltschaftliche Durchsuchung kam für uns sehr überraschend, da wir mit der Staatsanwaltschaft seit Juli 2017 vollumfänglich zusammenarbeiten. Wir halten die Vorwürfe für nicht berechtigt, gehen ihnen aber gemeinsam mit den Ermittlungsbehörden sorgfältig nach. Gegen Mitarbeiter von Porsche wird wegen des Verdachts des Betrugs und der strafbaren Werbung im Zusammenhang mit der Manipulation des Emissionskontrollsystems von Diesel-Pkws ermittelt. Porsche ist natürlich an einer Aufklärung interessiert. Wie die Verantwortlichen erklärt haben, wurde ein Kollege wegen Flucht- und Verdunklungsgefahr festgenommen und befindet sich in Untersuchungshaft. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns zu laufenden Ermittlungen nicht äußern möchten. De facto ist es so, dass Porsche selbst keine Dieselmotoren entwickelt und produziert — auch keine Dieselsoftware.

Einerseits arbeiten Sie vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft zusammen, auf der anderen Seite verlangen Sie beschlagnahmte Unterlagen zurück: Ist das ein Widerspruch?

Blume: Nein, das ist ein völlig üblicher Vorgang, keine Blockade. Der Grund hierfür ist die Anzahl der sichergestellten Unterlagen, die eine Sichtung und Bewertung durch Porsche in der Kürze der Zeit unmöglich macht. Aktuell sichtet Porsche die Sicherstellungsverzeichnisse und wird anschließend den Widerspruch beschränken. Die Beschränkung erfolgt hinsichtlich der Dokumente, die für das Verfahren irrelevant sind, und Dokumente, die Teil der geschützten anwaltlichen Kommunikation sind.

Hat Entwicklungsvorstand Michael Steiner Ihr Vertrauen?

Blume: Er hat mein vollstes Vertrauen. Aus unserer Sicht sind die Vorwürfe gegen ihn nicht berechtigt.

Bosch hat zuletzt nach eigenen Angaben erstaunliche Fortschritte bei den Emissionen von Dieselmotoren erzielt — ändert das Ihre Einstellung zum Diesel?

Blume: Der Diesel ist technologisch unverzichtbar, er gehört zum Antriebsmix dazu. Was hier in Richtung NOx- und CO2-Reduktion gemacht wird, zeigt, dass man sich auf dem richtigen Weg befindet. Ich bin außerdem überzeugt davon, dass es noch sehr lange Verbrennungsmotoren geben wird.

Ist das sich abzeichnende autonome Fahren eine Bedrohung für Porsche, wenn der Fahrspaß verschwindet?

Blume: Unterm Strich wird es immer so sein, dass ein Porsche ein Lenkrad haben wird. Nichtsdestotrotz gibt es Funktionen des autonomen Fahrens, die auch für Porsche attraktiv sind. Ich denke da an Stauassistenten und vollautomatische Einparksysteme. Außerdem arbeiten wir an Porsche-typischen Einsatzmöglichkeiten, etwa autonomes Fahren als virtueller Trainer auf der Rennstrecke. Trotz allem: Einen Porsche wird man auch in Zukunft selbst fahren können — und wollen.

Wird es ein Robotaxi von Porsche geben?

Blume: Das wird es nicht geben.

Wie sehr wäre Porsche von US-Strafzöllen betroffen?

Blume: Wir beobachten die Diskussionen, die dort laufen, sehr aufmerksam. Wir erzielen rund ein Drittel unseres Absatzes in den USA. Da wir dort nicht selbst produzieren, müssen wir die Situation ernst nehmen. Aber wir überstürzen nichts und machen den zweiten Schritt nicht vor dem ersten.

Einige Mitbewerber sind erfolgreich mit SUV-Coupés unterwegs, Porsche hat hier nichts — ändert sich das?

Blume: Unsere Produktstrategie für die Zukunft sieht so aus: Erstens suchen wir auf Basis der bestehenden Modellreihen nach sinnvollen Derivaten — wir schauen, was man Porsche-typisch interpretieren kann. Zweitens werden wir Image-Produkte wie die GT-Modelle ausbauen. Drittens wird es Lifestyle-Produkte geben, bei denen wir Elemente aus unserer Historie integrieren. Und viertens geben wir Vollgas bei der Elektromobilität.

Wie sieht es mit einem Modell unterhalb des 718 aus?

Blume: Es bleibt beim 718 als Einstiegsmodell.

Funktioniert der Panamera ST am Markt?

Blume: Die Entwicklung ist hervorragend. Dieses Fahrzeug musste allerdings erst einmal in den Handel kommen; die Kunden mussten es live sehen — anders als bei anderen Porsche-Modellen, die manchmal schon ausverkauft sind, bevor sie überhaupt vorgestellt wurden. In Deutschland und Österreich beträgt der Anteil des Sport Turismo an den Panamera-Verkäufen inzwischen rund 50 Prozent. Das übertrifft unsere Erwartungen.

Steht der Lieferant für den Lithium-Ionen-Akku des Mission E, Ihres ersten Elektroautos, schon fest?

Blume: Das ist LG Chem. Diese Firma hat gerade in eine Fabrik in Polen investiert und ist ein hervorragender Partner.

Das Interview führte Markus Höscheler