Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 22.07.2018


Motor News

Die bösen Buben sind gewohnt nett

Volkswagen kocht nach klassischer Rezeptur: Die Wolfsburger schauen sich lange an, was die Konkurrenten so treiben, dann stechen sie mit einem vielversprechenden Trumpf zu – wie dem Mini-SUV T-Cross.

© Volkswagen AGTarnen und Täuschen: Der T-Cross, hier als beklebtes Vorserienfahrzeug unterwegs, spielt Größe vor, ist aber nur 4,11 Meter lang. Allrad gibt es nicht, dafür jede Menge Stauraum.Foto: Werk



Von Markus Höscheler

München – Den Schwarzen Peter hat der Volkswagen-Konzern seit gut 34 Monaten stabil in der Hand – seit dem Bekanntwerden des selbstverschuldeten Dieselskandals reißen international die schlechten Schlagzeilen und die milliardenschweren Strafen nicht ab, dem Erfolg tut dies aber nicht wirklich einen Abbruch. Alljährlich drücken mehr als zehn Millionen Käufer einem neuen Fabrikat der Unternehmensgruppe ihr Vertrauen aus, üppig fallen die Profite aus.

Dabei sind die bösen Buben der Branche vom Wettbewerbsstandpunkt aus gesehen recht zurückhaltend. Denn beim Setzen von neuen Trends, beim Etablieren neuer Marktnischen überlässt Volkswagen samt Tochtermarken zumeist der Konkurrenz das Spielfeld, jedenfalls anfangs. Es kann Jahre dauern, bis die Niedersachsen ein marktfähiges Produkt in den Handel bringen. Genau dieses setzt dann aber die Maßstäbe beim Volumen, oft bei der Qualität und vor allem bei den Begehrlichkeiten.

Diese Geschichte wiederholt sind, in leicht adaptierter Form, im Revier der subkompakten Sport Utility Vehicles. Die Grenzen sind hier noch nicht klar abgesteckt, VW ist zudem bereits seit einigen Monaten mit dem vergleichsweise hochpreisigen und potenziell allradbewehrten T-Roc unterwegs. Nun schickt sich die Kernmarke an, einen zweiten Vertreter ins Feld zu schicken, einen, der dem Datenblatt nach etwas kürzer ausfallen, mehr auf Variabilität setzen und mehr Bescheidenheit bei der Motor-Antriebs-Konfiguration zeigen wird.

Gemeint ist der T-Cross, der mit einer Länge von 4,11 Metern eine Art aufgebockten Polo darstellt. Mit dem Kleinwagen teilt er sich zumindest die technische Plattform (MQB A0) und auch die vorgesehene Produktionsstätte (Pamplona, Spanien) – von der Optik her sind aber deutliche Unterschiede festzustellen, wie ein Lokalaugenschein in Bayern vor wenigen Tagen ergab. Zwar stellte uns VW noch beklebte Vorserienfahrzeuge zur Ansicht (und zur Fahrprobe) zur Verfügung, der kastenartige Aufbau wird aber durch die eher steil stehende Heckscheibe offensichtlich. Außerdem fallen die vergleichsweise hohe Sitzposition (ein Plus von zehn Zentimetern gegenüber dem Polo) und die Variabilität im Fond auf: Serienmäßig wird der T-Cross mit einer um 15 Zentimeter längs verschiebbaren Rückbank bestückt. Dieser Trick, eigentlich ein Stärke von Kompaktvans, bewirkt, dass der Laderaum von 385 auf 455 Liter wachsen kann. Für einen adaptierten Kleinwagen ist das ein Fabelwert, ebenso die 1281 Liter, die durch das Umlegen der 60:40 geteilten Rücksitzlehnen entstehen. Und selbst hier kann VW noch zulegen: durch die Option auf einen faltbaren Beifahrersitz. Damit lassen sich bei Bedarf recht lange Gegenstände transportieren.

Ist dies nicht erforderlich, dann freuen sich vorne wie hinten Sitzende über eine großzügige Kopf- und Kniefreiheit, abseits der zuvor schon erwähnten Sitzhöhe, die ein bequemes Ein- und Aussteigen mit sich bringt. Das Komfortable setzt sich übrigens während der Fahrt fort – die Fahrwerksabstimmung ist VW-typisch milde ausgefallen.

Angenehmes gilt es außerdem unter der Motorhaube zu entdecken. Erneut traut sich Volkswagen, in einem Neuling einen aufgeladenen Einliter-Dreizylinder-Turbobenziner zu verbauen: Mit 95 PS, einem Fünfgang-Handschalter und einem Fahrzeug-Eigengewicht von weniger als 1,2 Tonnen entpuppt sich diese Einsteigerwahl als nahezu ideal. Die Leistungsentfaltung ist homogen und kultiviert, selbst bei Steigungen gibt es einen spürbaren Vorwärtsdrang.

Für mehr Temperament, sofern es den künftigen Eigner danach dürstet, sorgen die stärkere Variante des Dreizylinders (115 PS), ein 1,5-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner mit 150 PS und ein 95 PS starker 1,6-Liter-Vierzylinder-Turbodiesel. Ausnahmslos sind alle Aggregate mit einem Vorderradantrieb bestückt. Der Basisbenziner arbeitet ausnahmslos mit dem Handschalter, die mittlere Ausführung gibt es gegen Aufgeld mit einem Doppelkupplungsgetriebe (DSG) – die Dieselversion ebenso. Beim Topmodell mit 150 PS ist das DSG ab Werk gesetzt.

Auch einige Fahrerassistenzsysteme erleichtern ausstattungsunabhängig das sichere Vorankommen mit dem T-Cross, etwa der Spurhalteassistent Lane Assist. Gegen Aufpreis bauen die VW-Techniker auch den Abstandsregeltempomaten ACC (Adaptive Cruise Control) oder den Park Assist ein, zudem den Toten-Winkel-Warner (Blind Spot Detection).

Bei den Armaturen stoßen wir auf klassisch Analoges wie auf futuristisch Digitales: Auf Wunsch wird ein volldigitales Instrumentarium eingebaut, wie wir es vom Polo und vom T-Roc kennen. Auf Kundenwahl setzt VW außerdem bei den Lackierungen: Zwölf Farben stehen auf dem Programm, auch ein in Schwarz abgesetztes Dach ist erhältlich, um eine populäre Zweifarbenlackierung zu erzielen.

Braucht sich nun die Konkurrenz vor dem T-Cross zu fürchten: Ja und Nein. Ja, weil VW wieder einmal ein überzeugendes Produkt geschaffen hat. Nein, weil sich die Marke noch etwas Zeit lässt, bis die Markteinführung erfolgt. Geplant ist vorläufig der April 2019. Insofern sind die bösen Buben eigentlich ganz nett.




Kommentieren