Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.11.2018


Motor News

Von oben herab

Der Cullinan ist nicht nur das erste SUV von Rolls-Royce – sondern auch das erste Auto dieser Gattung, in dem man sogar gerne mit Chauffeur fahren möchte.

© HerstellerLandleben für die oberen Eintausend: Der Rolls-Royce Cullinan macht klar, wem im SUV-Segment von nun an der Gipfel gehört.



Von Stefan Pabeschitz

Budapest – Rolls-Royce schafft es schon immer auf wirklich unnachahmliche Weise, Autos zu bauen, in denen das Mitfahren ebenso begehrenswert ist, wie selbst am Volant zu sitzen. Und nun ein SUV. Wegen der Frage, ob man sich der Welt, wie sie nun einmal ist, anpassen soll oder nicht, sind bereits ein Empire zerbrochen und ein Brexit passiert – und wäre Rolls-Royce heute nicht das Kronjuwel von BMW, sondern noch in britischer Hand, hätte die Marke sie wohl mit einem kühlen „No“ beantwortet.

Da Geld zu verdienen aber keineswegs anrüchig ist, gibt es ihn nun also, den Rolls, den sich Herr Scheich und Frau Oligarchin schon immer gewünscht haben und der dennoch wohl auch den Stall so manchen britischen Herrensitzes zieren wird: Der Cullinan, hochsitzig, allradgetrieben und –gelenkt, V12-befeuert und schlichtweg imposant. Stichwort Kronjuwel: Benannt ist er nach dem größten jemals gefundenen Rohdiamanten, dessen Stücke heute unter anderem Zepter und Krone von Queen Elizabeth zieren.

Rolls-Royce hat die schwierige Aufgabe seiner Erstbesteigung dieses Segments mit Bravour gelöst und darf nun gerechterweise den Gipfel markieren. Der Cullinan nimmt das Box-Design seiner Markengeschwister Phantom, Ghost und Wraith bravourös auf und spielt es gekonnt für den Auftritt in der Hochsitz-Gattung weiter. Wuchtig? Ja – aber tatsächlich ist es ingesamt schlüssiger, als etwa der Look des Bentley Bentayga, der sich mit den für seine Marke typischen Rundungen abmühen muss, die nicht so recht zu diesem Fahrzeugkonzept passen wollen. Die Türen des Cullinan sind wie bei Phantom und Ghost gegenläufig angeschlagen, drinnen empfängt die Fahrgäste unaufdringlicher Luxus, eine Wohlfühlatmosphäre im reduzierten Stil der Bauhaus-Schule oder eines Le Corbusier: die Kunst, das Funktionale nicht so aussehen zu lassen. Jeder Knopf, der betätigt wird, scheint um möglichst dezente Haptik bemüht – nichts klickt oder klackt, es gibt nur sanftes Fühlen.

Der Markenanspruch, das leiseste Auto der Welt zu bauen, gilt eben auch für den Cullinan. Wenn anderswo 6,75 Liter aus zwölf Zylindern mit 571 PS ausatmen, bebt die Welt. Hier meldet sich nur ein sanfter Unterton. Selbst die späte Hummel, die am offenen Fenster in der Herbstsonne vorbeifliegt, ist lauter. Dass die Elektronik-Architektur weitestgehend ident mit der von BMW ist, wird mit anders gestalteten Tasten und Bedien­elementen diskret kaschiert, nur das unverkennbare Bildschirmformat verrät die Herkunft.

Für die Instrumente hat Rolls-Royce die goldene Mitte zwischen Tradition und Moderne gewählt: In polierten Chromringen drehen sich digitale Zeiger im klassischen Look. Das Empfinden des bulligen Vortriebs – gerade einmal 5,2 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h bei immerhin gut 2,7 Tonnen Leergewicht – wird perfekt gefiltert, nichts dringt von draußen herein, schon gar keine Eindrücke von der Fahrbahnoberfläche – die Dämpfersteuerung mit Kamera-Vorausschau auf die Straße gleicht jegliche Unebenheiten proaktiv aus. Selbst Lenkkommandos werden elegant umgesetzt – die Vierrad-Lenkung verhilft dem 5,34-Meter Schiff mit knapp 3,3 Metern Radstand zumindest zum Handling einer Mittelklasse-Limousine. Auf dem seinerzeit humorig als „Go Anywhere“-Knopf angekündigten Schalter steht nun doch „Off Road“ – und was der Allrad selbst nicht schaffen sollte, gleichen die 850 Newtonmeter Drehmoment lässig aus. Egal wohin es geht und wenn es nur zum Supermarkt für den Wocheneinkauf sein sollte – im Cullinan fährt man nicht, man reist.

Bleibt noch die Preisfrage: In Österreich wachsen sich die 265.000 Euro netto dank NoVA und Umsatzsteuer zu beachtlichen 420.000 Euro aus. Obwohl hier natürlich gilt: Wer sie sich stellen muss, kommt als Kunde wahrscheinlich nicht infrage.




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