Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.12.2018


Motor News

Audi hat das Ladefieber gepackt

Audi hat es endlich vollbracht: Die VW-Tochter kreierte mit dem e-tron ein vollwertiges Elektrofahrzeug im SUV-Gewand, das rasant fährt und viel Alltagsnutzen mit sich bringt.

Futuristisch – und doch vertraut. Audi geht auf Nummer sicher, setzt mit seinem E-Debüt auf das aktuell meistgefragte Segment und lehnt sich auch beim Design nicht allzu weit aus dem Fenster.

© WerkFuturistisch – und doch vertraut. Audi geht auf Nummer sicher, setzt mit seinem E-Debüt auf das aktuell meistgefragte Segment und lehnt sich auch beim Design nicht allzu weit aus dem Fenster.



Von Johannes Posch

Abu Dhabi – Streng genommen – also rein nach Fahrzeug-Segmenten – steht der neue Audi e-tron als knapp fünf Meter langer Elektro-Vertreter des C-Segments allein auf weiter Flur; hat keine direkte Konkurrenz. Der Jaguar I-Pace ein bisschen kleiner, das Tesla Model X ein ganzes Stück größer … und doch wird sich das erste vollwertige Elektroauto aus Ingolstadt wohl vor allem mit der „stromenden“ Raubkatze und dem Quasi-SUV aus Amerika messen müssen. Doch er braucht den Vergleich mit keinem der beiden zu scheuen. Klar: Weder marschiert der e-tron so brachial voran wie der Tesla oder sieht so spacig aus wie der Jaguar, doch gerade deswegen hat er beiden etwas voraus: den Charme des angenehm Vertrauten.

Warum der e-tron zum Beispiel so aussieht wie ein „normaler“ SUV, obgleich das doch mangels Motor gar nicht nötig wäre, konnten uns die Designer ganz einfach erklären: weil der Markt aktuell vor allem Mittelklasse-SUVs nachfragt. Warum also nicht liefern, was das Gros der Leute haben will, nur eben mit E-Antrieb? Klingt schlüssig. Vor allem, da der Stromer mit den vier Ringen ja, trotz stolzem Preiszettel (ab 82.000 Euro), einen breiteren Kundenkreis ansprechen will als die etwas extrovertierteren Kontrahenten.

Das bedeutet freilich auch, dass der e-tron einiges an Alltagsnutzen mitbringen muss. Werfen wir einen Blick auf die passende Checkliste aus dem Autojournalisten-Handbuch: Reichweite? Rund 400 Kilometer nach WLTP sorgen für eine solide Basis. Dazu kommt, dass der e-tron das erste Serienauto ist, das mit 150 kW geladen werden kann. Damit ist der 95-kWh-Akku in nur 30 Minuten wieder zu 80 Prozent gefüllt. Kleiner Haken: Die besagten 150 kW beherrscht aktuell nur das quasi VW-eigene Ionity-Netzwerk. Allerdings kann der Wagen freilich auch daheim (ab Werk mit 11, optional mit bis zu 22 kW) oder an anderen Schnellladestationen geladen werden. Dazu können Kunden den e-tron Charging Service von Audi nutzen. Dieser gewährt Zugriff zu über 70.000 Ladepunkten in Europa, wobei die Abrechnung zentral über ein einziges Konto abläuft. Zwischenfazit zum Checklisten-Punkt Reichweite: bestanden.

Nächster Punkt: Platzangebot. 660 bis 1725 Liter fasst der Kofferraum, dessen Ladeboden zwar etwas hoch (die Akkus sitzen im Unterboden und unter dem Gepäckabteil), aber sonst tadellos nutzbar ist. Auch die Passagiere haben es gemütlich. In der zweiten Sitzreihe halten durchschnittlich gewachsene Österreicher auch längere Fahrten problemlos aus. Vorne geht es ebenfalls angenehm luftig zu. Und wem der Platz innen nicht reicht: Mit einer Anhängelast von bis zu 1800 Kilogramm lässt sich zur Not auch noch ein vollgeräumter Hänger mitnehmen. Ein erneutes Hackerl im Auto-Pflichtenheft.

Next up: Fahrverhalten. Die beiden E-Maschinen (erster E-quattro) mit 265 kW und 561 Nm Drehmoment beschleunigen den immerhin 2490 Kilogramm schweren SUV in gerade einmal 5,7 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Schluss mit dem Vortrieb ist bei 200 km/h. In der Praxis bedeutet das Fahrleistungen im Sportwagen-Terrain. Auch in Kurven zeigt sich der e-tron – nicht zuletzt dank serienmäßiger Progressivlenkung und Luftfederung (76 Millimeter höhenverstellbar) – äußerst behände. Natürlich kann er das hohe Gewicht nicht gänzlich vertuschen. Trotzdem macht es eine Menge Spaß, ihn auch mal hurtiger in so manch Serpentine zu werfen. Ja, wer es richtig krachen lassen will, kann sogar das ESP abdrehen (fast zumindest) und sich als Drifter versuchen oder aber den Geländemodus einlegen und abseits befestigter Straßen die Sau rauslassen. Unser Urteil zum Thema Fahrverhalten also: bestens.

Bleibt noch, was wir an dieser Stelle die B-Note nennen wollen. So „normal“ der e-tron im Vergleich zu Tesla und Jaguar wirken mag: Wer sich heute ein solches Gefährt anlacht, möchte ja vermutlich doch ein wenig den Hauch des Besonderen verspüren. Auch das bietet der Ingolstädter. Vor allem in Form der optionalen virtuellen Außenspiegel. Die verringern nicht nur den cw-Wert auf 0,27 im Vergleich zu 0,28 mit konventionellen Spiegeln, sondern sorgen mit ihren OLED-Displays in den Türen zudem für einen stets scharfen und quasi störungsfreien Blick nach hinten – obgleich ihre Verwendung eine ganze Menge Gewöhnungszeit erfordert. Nicht nur hinsichtlich der Frage, wo man eigentlich hinschaut, um nach hinten blicken zu können, sondern auch in Bezug auf die eigene Haltung. Wer gern lässig seinen linken Arm auf die Tür legt, versperrt sich so nämlich selbst die Sicht auf den Screen des linken „Spiegels“.

Vorreservierungen für den e-tron nimmt Audi bereits seit Mai 2017 entgegen – 307 davon gibt es in Österreich. Der eigentliche Vorverkaufsstart erfolgt aber erst im Jänner 2019. Da werden dann auch die Preise bekannt gegeben. Die Markteinführung ist für März 2019 geplant.