Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 15.12.2018


Motor News

Dreierlei vom Strom

Auf Hybrid und Plug-in-Hybrid folgt nun mit dem e-Niro die vollelektrische Variante von Kias kompaktem SUV-Crossover. Zwei Leistungs- und Reichweitenversionen stehen in der Auslage.

Mit dem e-Niro startet die Strom-Offensive von Kia, die uns in den nächsten fünf Jahren sechzehn teil- oder vollelektrische Modelle beschert.

© WerkMit dem e-Niro startet die Strom-Offensive von Kia, die uns in den nächsten fünf Jahren sechzehn teil- oder vollelektrische Modelle beschert.



Von Stefan Pabeschitz

Nizza – Für den Clou, tatsächlich Robert De Niro als Werbe-Testimonial seines Beinahe-Namensvetters zu gewinnen, müssen wir Kia zugleich schimpfen und dankba­r sein: Der aufgelegte Titel von zirka 90 Prozent aller Testberichte weltweit wurde damit vereitelt. Mit seinem Aufbau vom Hybriden 2016 über die Plug-in-Variante im vergangenen Jahr bis zur jetzt präsentierten vollelektrischen Version folgt Kia den steigenden Erwartungen, die Kunden an die E-Mobilität haben. Der Niro war von Anfang an für diese Karriere vorgesehen – es würde kaum wundern, wenn aus dem Trio am Ende ein Quartett würde und noch eine Wasserstoff-Variante dazukäme.

Von seinen teilweise Verbrenner-betriebenen Geschwistern unterscheidet sich der Vollzeit-Elektriker durch die senkrecht stehenden LED-Tagfahrlicht-Winkel und hellblaue Applikationen an den Stoßfängern. Unter der Haut sind die Neuerungen gravierender: Die kompakte Einheit aus E-Motor, On-Board-Charger, Steuergerät und Getriebe ist eine komplette Neuentwicklung und weitgehend identisch mit der bereits im Hyundai Kona Elektric vorgestellten Technik. Demnächst wird sie auch den neuen Kia Soul EV, der dann wohl ebenfalls e-Soul heißen wird, befeuern. Angeboten werden zwei Leistungs- und Reichweiten-Stufen: 136 PS und 289 Kilometer für 36.690 Euro oder 204 PS und 455 Kilometer für 41.090 Euro, jeweils abzüglich eventueller Förderungen.

Weil sich von den bisher vorbestellten 100 e-Niros, die ab Jänner ausgeliefert werden, über 90 Prozent der Käufer für die stärkere Version entschieden haben, testeten wir ebenfalls die Long-Range-Variante. Mit knappen 1,8 Tonnen bleibt die trotz der zusätzlichen Batterie-Kilos auch was das Gesamtgewicht angeht im Rahmen – ein mittelprächtig ausgestatteter VW Tiguan wiegt etwa gleich viel. Trotzdem wirkt am und im e-Niro nichts billig oder zwanghaft reduziert: Die verwendeten Materialien entsprechen dem Mittelklassestandard und die Verarbeitungsqualität ist tadellos. In der Bedienung gibt es nur einen Unterschied zu den bisherigen Niro-Versionen: Drive-Modus und Retourgang werden über einen Drehknopf aktiviert anstatt über einen Gangwahlhebel – Gänge im herkömmlichen Sinn hat der e-Niro auch keine, nur eine Direktübersetzung vom elektrischen Motor zur Vorderachse.

Nach der offenbar unvermeidlichen kurzen Willkommensshow in den Displays samt Begrüßungs-Tonfolge ist das kompakte SUV auch schon fahrbereit, zieht flott aus dem Stand und lässt sich dank über die Lenkradwippen verstellbarer Rekuperationsstärke sogar betont simpel im Ein-Pedal-Modus bewegen – die Bremse wird dann tatsächlich nur noch zum unmittelbaren Anhalten benötigt.

Im Fahrmodus Eco fiel die angezeigte Reichweite im Stadt-/Überland-Mix nie unte­r 400 Kilometer – nur längere Autobahnpassagen knabberten davon etwa 10 Prozent weg. Wenn mehr Spaß gefragt ist, spitzt der Sportmodus die Talente des e-Niro dynamisch an – mit überraschend geringem Reichweiten-Manko. Bei den digitalen Effizienzhelfern bietet Kia etwa mit einem rekuperationsgesteuerten Abstands-Assistenten, einem Steigungs-/Gefälle-abhängigen Energiemanagement oder einer Voranhebung der Batterie-Betriebstemperatur im Winter einige schlaue Anwendungen. Bei den rein praktischen Fahreigenschaften sind vor allem der hohe Abrollkomfort und das neutrale, harmonische Handling erwähnenswert, nur die Lenkung ist ein wenig straff ausgefallen. In Summe verdient sich der e-Niro das Kompliment, gegenüber einem Pkw mit Verbrennungsmotor außer der Zeitdauer zum Laden der Batterie tatsächlich keinerlei Kompromisse mehr zu verlangen.