Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 31.10.2015


Nutzfahrzeuge

Maßschneiderei im Industriegewand

Mercedes’ leichte Nutzfahrzeuge sind reich an Variationen, aber nicht ausreichend: Tausende Spezialunternehmen arbeiten an überzeugenden individuellen Lösungen für herausfordernde Kundenwünsche.

© HöschelerMit einem Kooperationspartner hat Daimler diesen Abschlepper konstruiert.



Von Markus Höscheler

Hamburg – Die Auszeichnung ist dieser Tage eine verbale: Wird im Automobilbereich von einer Manufaktur gesprochen, assoziiert der Hörer zumeist etwas Edles damit, etwas außergewöhnlich Wertvolles, etwas, das viel Liebe zum Detail und Handarbeit erfordert – etwa bei Luxusfahrzeugen oder Supersportwagen. Derlei Anstrengungen gibt es – und zwar nicht zu knapp – auch auf einem Gebiet, das zumeist eher mit knapp kalkulierter Serienfertigung in Verbindung gesetzt wird: im Nutzfahrzeuggeschäft. Dort muss es rasch gehen, wenn der Kunde nach einem passenden Fahrzeug ruft, denn in der Regel benötigt er es für das laufende Geschäft. Und: Die Konkurrenz schläft nicht. Aber: Mercedes Vans, bei Daimler für die leichten Nutzfahrzeug zuständig ist, ist hellwach.

Die Schwaben bieten ab Werk variantenreiche Baureihen an, die sich im Stadtlieferwagen Citan, im Transporter Vito und dessen Pkw-Pendant V-Klasse sowie im Lieferwagen Sprinter niederschlagen. Sie kommen mit unterschiedlichen Fahrzeuglängen, Radständen, Dachhöhen und Karosserievarianten (Kastenwagen, Kombi, Pritsche, Camper) in Frage. Das ist schon viel, aber reicht nicht aus, denn die Ansprüche der Kunden sind so komplex, dass Mercedes weltweit auf viele Spezialisten angewiesen ist. Mit rund 3500 Unternehmen arbeitet der Konzern deshalb über den Globus verteilt zusammen – mit einigen von ihnen sogar so intensiv, dass sie in dieser Woche in Hamburg der Öffentlichkeit gemeinsam bestimmte Lösungen vorstellten, um Verständnis für die Tragweite dieses besonderen Geschäfts zu schaffen.

Abhängig sind die Kreationen vom jeweiligen Einsatzzweck des Nutzfahrzeugs. Am auffälligsten sind die herkömmlichen Einsatzfahrzeuge für die Rettung/den Notarzt, die Polizei oder die Feuerwehr. Aber hier gibt es Weiterentwicklungen, etwa automatische Desinfektionsanlagen. Für ungewöhnliche Einsatzzwecke kann beispielsweise ein nach außen unauffälliger Sprinter in Weiß herhalten. Innen hat er ein teures Röntgengerät an Bord, mit dem sich – auch fahrend – Drogen, Bomben oder Menschen in anderen Fahrzeugen im Nu aufspüren lassen. Kostenpunkt: satte 1,2 Millionen US-Dollar. Nicht günstiger sind umfassend ausgerüstete Satellitenübertragungswagen für Fernsehsender. Von großer Bedeutung sind Transporter mit ausgeklügelten Kühlsystemen, die beispielsweise über Nacht via Strom so weit gefrieren können, dass sie am folgenden Tag während eines mehrstündigen Fahreinsatzes mit bis zu 200 Öffnungsvorgängen ohne weitere Kühlung (und damit emissionsfrei) auskommen.

Auch im Personentransport gibt es Anspruchsvolles, etwa den Wunsch nach mittelgroßen Bussen in Luxusausführung. Beachtung verdienen außerdem die aufwändigen Umbaumaßnahmen bei Sprinter und Citan, um die Fahrzeuge für Menschen dienstbar zu machen, die körperlich beeinträchtigt sind. Dies ist sowohl aktiv als auch passiv möglich. Im ersten Fall geht es um Adaptierungsvorgänge rund ums Lenkrad und um die Mittelkonsole, um Beschleunigungs- und Bremsvorgänge via Hand zu ermöglichen. Im zweiten Fall zeigen Mercedes und Partner­unternehmen Möglichkeiten auf, wie etwa Rollstuhlfahrer relativ bequem ins Fahrzeuginnere gelangen können. In diesem Zusammenhang gibt es noch einen weiteren bemerkenswerten Aspekt: Für Menschen, die sehr klein sind, wird die Pedalerie näher an die Füße herangerückt; für solche, die überdurchschnittlich groß sind, wird der Fahrersitz nach hinten verlegt.

Abseits dieser Kreationen ist die Van-Abteilung damit beschäftigt, die gewöhnliche Serienfertigung voranzubringen: Davon profitiert der Citan, der im ersten Quartal 2016 ein von Getrag gefertigtes Doppelkupplungsgetriebe und ein Navigationsmodul erhält. Mit einem Versuchsträger war die Tiroler Tageszeitung Mitte dieser Woche in Hamburg unterwegs und konnte sich dabei bequem durch den Stadtverkehr bewegen, ohne dabei auf lästige Schalt- und Kupplungsarbeit Rücksicht nehmen zu müssen. Die Navigation funktionierte ohne Tadel, die Anzeige selbst ist tief platziert und klein ausgeführt. Gut möglich, dass hier mancher Gewerbekunde nach einer maßgeschneiderten Lösung ruft.