Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 07.10.2017


Test

Kias Aufholjagd fand ein schönes Ende

Quälend lange haben die Koreaner großen Aufwand betrieben, um mit ihren Modellen der deutschen Konkurrenz Akzeptables entgegensetzen zu können. Mit dem Gran Turismo Stinger drehen sie den Spieß um.

Bei den Händlern ist der coupéartige Stinger schon, ab 43.290 Euro bieten sie das Basismodell an. Der Kunde kann wählen zwischen zwei Benzinern und einem Diesel (200 bis 370 PS), auch zwischen Heckantrieb und AWD.

© WerkBei den Händlern ist der coupéartige Stinger schon, ab 43.290 Euro bieten sie das Basismodell an. Der Kunde kann wählen zwischen zwei Benzinern und einem Diesel (200 bis 370 PS), auch zwischen Heckantrieb und AWD.



Von Markus Höscheler

Capdepera – Extralob bekam Kia zuletzt reichlich. Branchenbeobachter und Publikum schätzten das Preis-/Leistungsverhältnis, sie gefanden Gefallen an der von Peter Schreyer beeinflussten Formensprache und sie überzeugten sich von der Sieben-Jahres-Garantie. Damit signalisierte die Marke selbstbewusst einen hohen Qualitätsstandard. All die Anstrengungen sollten aufzeigen, dass Kia mit den deutschen Wettbewerbern im SUV-Bereich und im Kleinwagensegment sowie bei den Kompakten mithalten wollte und konnte. Etwas schwerer tat sich das Label mit dem Thema Fahrspaß – aber das ist spätestens mit dem Erscheinen des Stinger Geschichte. Je nach Lesart handelt es sich bei dem 4,83 Meter langen Wagen um ein fünftüriges Coupé, eine Fließhecklimousine oder einen Gran Turismo.

Sechs Jahre ließ sich Kia Zeit, um aus dem 2011 in Frankfurt auf der Internationalen Automobil-Ausstellung vorgestellten Concept Car GT ein serienreifes Produkt zu gestalten. Hier konnte Schreyers Design-Team den optischen Auftritt noch einmal schärfen, den Tiger-Nose-Kühlergrill optimieren, die Lufteinlässe und -auslässe modellieren, die Schweller großzügig andeuten und die Heckpartie mit durchgehendem LED-Leuchtenband perfektionieren. Auch die Techniker waren gefordert, um einen Gran-Turismo-typischen Mix aus Fahrdynamik, Eleganz und Komfort zu verwirklichen. Gerade hier – bei Lenkung, Motoren, Übersetzung, Fahrwerksabstimmung – hatte Kia immer noch Aufholbedarf gehabt. Selbst dies gehört der Vergangenheit an, wie erste Fahrproben auf Mallorca an den Tag brachten. Wir freundeten uns sofort an mit der elektromechanischen Lenkung inklusive variabler, geschwindigkeitsabhängiger Übersetzung. Präzision und Direktheit spielen sich auf einem Niveau ab, das Eindruck hinterlässt.

Ähnliches dürfen wir von der Achtstufenautomatik behaupten, die serienmäßig verbaut ist. Sie lässt sich mit Schalt­wippen hinter dem Lenkrad überstimmen, im Sport- und Sport-Plus-Modus ist das aber selbst bei forcierter Fahrweise kaum notwendig, da die Stufenwahl zügig und zielsicher erfolgt. Geglückt ist zudem der Kraftschluss mit den drei zur Verfügung stehenden Motoren: ein 2,2-Liter-Vierzylinder-Turbodiesel mit 200 PS, ein Zweiliter-Vierzylinder-Turbobenziner mit 255 PS und ein doppelt aufgeladener 3,3-Liter-V6 mit 370 PS. Das Temperament des Stinger hängt nicht nur vom Triebwerk ab, sondern auch von der Antriebskonfiguration. Der kleinere Benziner ist mit einem Heckantrieb verknüpft. Das verspricht intensive Querbeschleunigungserlebnisse, zumal es sich mit 1,7 Tonnen Eigengewicht um das leichteste Modell handelt.

Der V6 ist nur mit (heckorientiertem) Allradantrieb zu haben, hier haben wir es mit fast 1,9 Tonnen zu tun. Dennoch reicht es für eine Beschleunigung von null auf 100 km/h in 4,9 Sekunden, für einen famosen Motorensound und ein Höchsttempo von 270 km/h. Falls das noch nicht überzeugt: 510 Newtonmeter maximales Drehmoment liegen zwischen 1300 und 4500 Umdrehungen/Minute an, der Schub ist nahezu endlos. Für Vernunftsnaturen bietet sich der Diesel an, für den sowohl 2WD als auch 4WD vorgesehen sind (Verbrauch: 5,6 l, CO2: 147 g/km).

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Damit nicht alles aus dem Ruder läuft, gibt es unterschiedliche Fahrmodi, eine sensibel agierende elektronische Fahrwerksabstimmung sowie zahlreiche Fahrerassistenzssysteme. Auch bei der Innenausstattung, bei der Belederung und beim Infotainment spart Kia nicht – und so muss der Interessent nicht sparen, er kann ab jetzt ab 43.290 Eur­o (V6: ab 62.790 Euro) zugreifen. Dann darf er Kia mit einem Extra­lob dafür bedanken, dass aus dem Jäger ein zu Jagender geworden ist.