Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.10.2017


Abarth 124 Spider

Das Drakonische der Dolomiten

Dass auch vier Zylinder, verbaut in einem Fahrzeug mit Kleinwagendimensionen, unendlich viel Fahrspaß bereiten können, belegt auf auffällig dröhnende, optisch betörende Art und Weise der Abarth 124 Spider.

© HöschelerUm ihn von der Fiat-Basis zu unterscheiden, bevorzugt Abarth die Schreibweise „124 spider“. Wir gönnen dem spaßigen Roadster ein großes „S“.



Von Markus Höscheler

Canazei – Dreist ist es schon, einen griechischen Gesetzgeber des Altertums mit Felsformationen in den Alpen in Verbindung zu setzen, wie hier im Titel geschehen ist. Dreist ist es auch, was die Fiat-Tochtermarke Abarth mit einem Roadster macht, der einer Zusammenarbeit von Mazda und Fiat entstammt. Die Karosserielackierung sticht ob ihrer Farbenvielfalt direkt ins Auge, der Motorenklang prallt mit einer unglaublichen Wucht auf die Hörmuscheln, als handelte es sich um eine Mischung aus Fünf-, Sechs- und Achtzylinder-Aggregaten. Ein solches Triebwerk aber hat im – wenn auch lang gezogenen – Motorraum keinen Platz, es muss reichen für einen aufgeladenen Vierzylinder mit einem bescheidenen Hubraum von knapp 1,4 l.

Die Sounddesigner nahmen die Herausforderung angriffig an, wie wir und andere Verkehrsteilnehmer erfuhren. Auch der Rest der Ingenieurs-mannschaft war gefordert, denn die Italiener wollten tunlichst auf reines Blend- und Tonwerk verzichten: Sie kitzeln aus der kleinen Maschine immerhin 170 PS und ein maximales Drehmoment von 250 Newtonmetern (die ab 2500 Touren anliegen) heraus. Das würde vielleicht nicht sonderlich beeindrucken angesichts von aufgeladenen Vierzylinder-Triebwerken von deutschen, schwedischen und französischen Herstellern, die mit 280, 300 oder gar mehr als 400 PS Provokantes auf die Straße zaubern. Aber wir sollten nicht außer Acht lassen, dass der 124 Spider ein Leichtgewicht darstellt: Nicht einmal 1,1 Tonnen bringt er auf die Waage, daran ändert auch die verbaute Sechsstufenautomatik nichts. Die ist zwar mitverantwortlich dafür, dass der Sprint von null auf 100 km/h nicht in 6,8, sondern erst in 6,9 Sekunden gelingt. Aber sollten wir deswegen böse sein auf das Fehlen eines Kupplungspedals?

Das wäre schade um die Zeit, denn der zweisitzige Hecktriebler versüßt die Tour unentwegt, sobald sich die Insassen an die Dauerbeschallung gewöhnt haben. Die Gasannahme ist perfekt, die Automatik arbeitet willig und sportlich (insbesondere im Dynamikmodus), die Schaltwippen hinter dem Lenkrad freuen sich auf Betätigung, die Kraftentfaltung ist enorm – und die Lenkung stellt eine Meisterschaft dar in punkto Präzision und Direktheit. Mit Antriebseinflüssen muss sie sich nicht abgeben. Das Volant und die eher straffe Fahrwerksabstimmung stellen Co-Garanten für berechenbares Fahrverhalten dar – eine Bedingung, die erfüllt sein will im kurvenreichen Straßennetz, das die Dolomiten anzubieten haben.

Auf den asphaltierten Wegen unterschiedlicher Güte offenbarte der flotte Italiener seine Neigung zu sanften Heckschwenks, die die bordeigene Elektronik aber sanft mit behutsamen Eingriffen abzufangen weiß. Größere Aufbrüche am Weg zum Sellajoch quittiert das Fahrwerk mit gröberen Stößen Richtung Fahrgastzelle – der 4,05 Meter lange Roadster lässt sich dennoch nicht aus der Ruhe bringen und führt uns weiter zum Fedaiapass, um der Marmolada ansichtig zu werden – der höchsten Erhebung der Dolomiten. Das geht auch während der Fahrt entlang des Ufers des hoch gelegenen Stausees, zumal das Stoffverdeck mit zwei schnellen Handgriffen hinter den Sitzen verstaut ist. Mit dieser Schnelligkeit kann keine Elektronik jedweder Konkurrenz mithalten. Die Magie des Anblicks, sowohl des Berges als auch des Spider, kann jedoch nicht über das dem Gebirge und dem Fahrzeug innewohnende Drakonische hinwegtäuschen. Denn beides müssen wir verlassen, die Marmolada hinter uns lassen, den 48.628,40-Euro-Spider dem Importeur wieder überlassen. Es mag dreist sein, aber: Wir empfinden das als doppelte Strafe.

Die Technik

Motor: Vierzylinder-Turbobenziner

Hubraum: 1368 ccm

Drehmoment: 250 Nm bei 2500 U/min

Leistung: 125 kW/170 PS

L/B/H: 4054/1740/1233 mm

Gewicht: 1080 kg

Kofferraumvolumen: 140 l

Tankinhalt: 45 l

Höchstgeschwindigkeit: 229 km/h

0 – 100 km/h: 6,9 Sekunden

Verbrauch: 8,3 l/100 Kilometer

Kraftübertragung: Hinterradantrieb

Preis: 48.628,40 Euro

CO2-Emission: 153 g/km




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