Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 31.03.2018


Test

Schönheit will geerbt sein

Mercedes profitiert in vielerlei Hinsicht von seiner Tradition – seit Jahrzehnten versteht sich der schwäbische Autobauer auf die Konstruktion von begehrenswerten Coupés. Besonders frisch ist der E 400.

© HöschelerForm und Farbe fallen sofort auf, Aggregat und Allradantrieb überzeugen nicht nur während der Abfahrt, das Interieur umgarnt mit wertigen Materialien, hoher Verarbeitungsgüte und dem Schwerpunkt auf Digitalem.



Von Markus Höscheler

Weerberg – Im Pkw-Bereich kann sich Daimler seit geraumer Zeit viel erlauben. Die Schwaben fahren mit großem Erfolg einfach doppelgleisig – einerseits mit gemütlichem Tempo, andererseits mit Vollgas. Im ersten Fall lässt sich die Hauptmarke Mercedes-Benz Zeit, zum Beispiel bei der Einführung von alternativen Antrieben. Der GLC F-Cell (mit Brennstoffzelle) gilt schon länger als gesetzt, doch noch muss die Kundschaft auf die Serienreife warten – die Konkurrenz aus Korea und Japan ist bereits mit Wasserstofffahrzeugen am Markt. Bei elektrifizierten Nutzfahrzeugen ist Daimler zwar am Papier schon gut aufgestellt, aber die Großserie fehlt noch, wenngleich sie angekündigt wurde. Bei der neuesten Generation des Elektro-Smart wurde zwar der Name geändert (EQ), aber mit der Verfügbarkeit hapert es, wenn wir der seriösen Wirtschaftsberichterstattung unseres nördlichen Nachbarlandes Glauben schenken dürfen.

Aber Mercedes-Benz beherrscht nicht nur das Fahren mit der Draisine, sondern auch – im zweiten Fall – die Geschwindigkeit eines TGV: Nahezu im Wochentakt verkündet die Sternmarke Neuheiten. Die Rede ist von der neuen Generation der A-Klasse, von der neuen G-Klasse, vom neuen Sprinter. Ins Rampenlicht schaffte es jüngst auch die umfassende Modellpflege für alle Karosserievarianten der C-Klasse, zuletzt angereichert um eine adaptierte AMG-C-63-Variante mit zwei Leistungsstufen (476 und 510 PS). Von der Modernisierung profitieren zudem zwei Gattungen, die heutzutage immer seltener auf dem Straßenbild anzutreffen sind: Cabriolet und Coupé. Gerade hier hat Mercedes einen riesigen Erfahrungsschatz angehäuft und lässt keine Nische aus.

Einen aktuellen Beleg dafür liefert die im Vorjahr auf den Markt gebrachte neue Generation des E-Klasse Coupés. Dieses ist gegenüber dem Vorgänger deutlich gewachsen (um zwölf Zentimeter in der Länge) – damit hat es die offensichtliche frühere Nähe des Ahnen zur C-Klasse abgeschüttelt.

Nicht nur das: Die vorige E-Klasse hatte als Coupé einen stattlichen Auftritt, aber keinen allzu sportlichen. Umso überraschender mutet die Erscheinung der aktuellen Generation an, die augenscheinlich die Dynamik zelebriert. Eine mehrfach gefaltete Motorhaube, eine markante Falz oberhalb der Schweller und eine gespannte Dachlinie springen ins Auge. Von der Windschutzscheibe abgesetzte A-Säulen und großzügig gestaltete vordere Lufteinlässe verleihen dem Fahrzeug zusätzliche Athletik. Die ist nicht vorgetäuscht, zumindest nicht im Testwagen E 400, der von einem 333 PS starken Dreiliter-Turbobenziner die Bewegungsmotivation erhält. Das Aggregat lässt sich nicht beirren vom stolzen Eigengewicht von mehr als 1,8 Tonnen, sondern bedient über die serienmäßig eingebaute Neunstufenautomatik via 4Matic-Allradantrieb beide Achsen. Schon knapp über Leerlaufdrehzahl geht es los mit einem überzeugenden Drehmoment, das bereits ab 1600 Umdrehungen/Minute mit 480 Newtonmetern das Plateau findet. Das Resultat taugt für souveräne Überholmanöver und für die Rennstrecke: Nur etwas mehr als fünf Sekunden vergehen, bis der mit harmonischer Klangentfaltung beseelte Benziner den eleganten Zweitürer auf Landstraßentempo beschleunigt. Die Steuergeräte lassen den Vorwärtsdrang bis 250 km/h walten, dann greift sie ein. Dass das Coupé nicht nur auf der Geraden, sondern auch bei Richtungswechseln eine gute Figur macht, ist der direkt-präzisen Lenkung, dem austarierenden adaptiven Fahrwerk (Air Body Control) und dem traktionssichernden Allradsystem zu verdanken.

Ein Teil der hier erwähnten Zutaten erleichtert nicht nur das Vorankommen mit dem E 400, sondern auch das eigene Portemonnaie – während der Autobauer sich über Zusatzeinnahmen freuen darf. Die Kassa klingelt im Weiteren bei Komfortbeigaben wie Panoramaglasdach und Head-up-Display sowie Nappa-Lederbezug, bei Annehmlichkeiten wie dem Widescreen-Display mit zwei 12,3 Zoll großen Digitalbildschirmen. Am Ende stehen 117.681 Euro einem hervorragend ausgestatteten, herausragend zu fahrenden und mit überwältigender Freude zu betrachtenden E-Klasse Coupé gegenüber. Immerhin: Für den halben Betrag gibt es den Schönling mit einem Vierzylinder samt Heckantrieb.

Die Technik

Motor: Sechszylinder-Turbobenziner

Hubraum: 2996 ccm

Drehmoment: 480 Nm bei 1600 U/min

Leistung: 245 kW/333 PS

L/B/H: 4826/1860/1430 mm

Gewicht: 1845/2360 kg

Kofferraumvolumen: 425 l

Tankinhalt: 66 l

Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h

0 – 100 km/h: 5,3 Sekunden

Verbrauch: 10,5 l/100 Kilometer

Kraftübertragung: Allradantrieb

Preis: 117.681 Euro

CO2-Emission: 183 g/km




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