Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 05.05.2018


VW

Vom letzten Kaiser zum Wilden Kaiser

Nach der statischen Weltpremiere im chinesischen Peking erfolgte für den Toaureg der dritten Generation die dynamische Weltpremiere in und rund um Scheffau – die TT fuhr mit dem technischen Musterknaben.

© HerstellerVon den ersten beiden Touareg-Generationen verkaufte Volkswagen weltweit knapp eine Million Einheiten – und das seit 2002.



Von Markus Höscheler

Scheffau – Ausgerechnet die volumenstärkste Marke des Volkswagen-Konzerns kommt als Letztes an die Reihe bei der Vorstellung der neuesten Sport Utility Vehicles der Oberklasse. Audi durfte mit dem Q7 schon vor zwei Jahren vorlegen, ebenso der Bentayga von Bentley; 2017 war die neue Generation des Porsche Cayenne an der Reihe, vor Kurzem fuhr der Urus von Lamborghini offiziell los. Mit anderer Abstimmung ist nun der Touareg der dritten Generation an der Reihe.

Seinen ersten großen Auftritt feierte der 4,88 Meter lange Hochbau in Peking, wo vor mehr als hundert Jahren der letzte chinesische Kaiser der Qing-Dynastie abdanken musste. Im Reich der Mitte durfte sich der Touareg aber noch nicht so bewegen, wie er könnte – diese Freiheit erlaubt ihm der Hersteller erst jetzt, und zwar in der Gegend des Wilden Kaisers im Rahmen einer internationalen, Fahrpräsentation. Die Routenplaner hatten dabei hoheitliche Geographie für den Allradler im Sinn, denn der Touareg sollte seine Vorzüge auf dem Weg von Salzburg nach Scheffau via Hochkönig zeigen.

Wenngleich dem neuen Touareg das expressive Auftreten eines Bentayga oder eines Urus versagt bleibt, ist ihm ein auffälliger Stil zu bescheinigen. Der extrem breite Kühlergrill, der mit seinen Lamellen mit den Frontscheinwerfern verschmilzt, verschafft dem neuen VW-Flaggschiff eine fast schon majestätische Erscheinung. Reif wirken die ausgestellten Radhäuser, die markanten Schweller und der sanfte Dachschwung. Nicht zu sehen, aber zu loben ist die Erkenntnis, dass der neue Touareg dank einer Alu-Stahl-Karosserie gegenüber dem Vorgängermodell 106 Kilogramm weniger wiegt, im Gegenzug aber 113 Liter mehr Ladeabteil (brutto: 810 Liter) anbietet.

Keine Blöße gibt sich der Touareg im Innenraum: Herausragt das Innovision Cockpit, das das Digitalinstrumentarium (zwölf Zoll Diagonale) mit dem Touchscreen des Infotainmentsystems (15 Zoll Diagonale) zusammenführt. Es beeindrucken die Lichtstärke und die hohe Auflösung, die Menüführung erfordert anfangs jedoch erhebliche Konzentration. Dafür lässt sich mit dem Touchscreen vieles anstellen, etwa die Navigation benützen.

Wem diese horizontfüllende Anzeigenflut nicht ausreicht, dem sei beschieden: Es gibt auch noch ein Head-up-Display, das ebenfalls mit gestochener Schärfe Informatives für den Fahrer zu bieten hat. Aber keine Sorge: Nicht alles ist digital, so manches Drehrad und manche Taste findet sich im neuen Touareg. Mit dem erstgenannten lassen sich Fahrprogramme anwählen, zum Beispiel die Achtstufenautomatik etwas sportlicher abstimmen. Zweitgenanntes begegnet uns auf dem Lenkrad – womit die Verfügungsgewalt über die Armada an Fahrerassistenzsystemen gegeben ist. So können wir uns am Fuß des Höchkönigs mit zwei Tastendrücken einfach so herausnehmen, den Lane Assist zu deaktivieren.

Nicht so forsch gehen wir bei anderen technischen Helferlein vor, die der Touareg zu bieten hat. Viel abgewinnen können wir beispielsweise der traktionsfördernden Allradlenkung, dem 4Motion-Allradsystem, der elektrischen Wankstabilisierung, den IQ.Light-LED-Matrixscheinwerfern und der Wärmebildkamera Nightvision. Danach zu fragen, ob diese Systeme ab Werk im Touareg verbaut sind, grenzt allerdings schon an Majestätsbeleidigung. VW lockt hier auch mit Optionen, allein das zuvor erwähnte und gelobte Innovision Cockpit kostet ab 3640,44 Euro extra.

Bei der ersten Ausfahrt mit dem praktisch ab jetzt erhältlichen, 286 PS starken V6-Turbodiesel fielen uns die hohe Laufkultur und die vernünftige Leistungsentfaltung auf, allerdings auch die eher gemächliche Abstimmung der Achtgangautomatik.

Davon abgesehen überzeugen Interieur samt Materialienauswahl und Verarbeitung auf ganzer Linie. Die Entscheidung von VW, drei individuelle Design­linien (Elegance, Atmosphere, R-Line) anzubieten wirkt stimmig. Die 286-PS-Variante kostet ab 72.690 Euro, der ab Ende Juni verfügbare 230-PS-Diesel kostet ab 66.690 Euro. Im Sommer will VW mit einem 340-PS-Turbobenziner nachlegen, nächstes Jahr folgt ein 421 PS starker V8-Diesel. Denkbar ist zudem ein Plug-in-Hybrid – wobei der zuerst für das Reich der Mitte reserviert ist, nicht für den Wilden Kaiser.




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