Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 26.05.2018


Test

Porsche Cayenne als 911 der SUV

Der neue Cayenne zeigt in seiner dritten Generation wie noch nie zuvor, wie eng die Symbiose zwischen Sportwagen und Geländegänger sein kann. Im Test der „S“-Biturbo-Sechszylinder-Benziner mit 440 PS.

© FellnerFormal blieb sich der mächtige Cayenne treu, auch wenn nun das Heck dessen neue Schokoladenseite ist (siehe Bild unten).



Von Reinhard Fellner

Ampass – Ein Porsche gehört zu den begehrtesten Automobilen der Welt – auch wenn die Sportwagen aus Zuffenhausen meist doch ein elitäres Vergnügen bleiben. Mit der Vorstellung des Cayenne im Jahr 2002 konnte Porsche den Kreis gutbetuchter Kunden dennoch massiv erweitern. Die Idee, einen Sportwagen in Form eines geländetauglichen SUV zu fahren, fasziniert bis heute. 16 Jahre später rollt nun die dritte Generation des Porsche-SUV auf die Straßen. Rein äußerlich blieb sich der Cayenne treu. Allein das Heck wandelte sich vom einst etwas plumpen Abschluss zur eleganten Schokoladenseite des SUV. Angesichts des technischen Potenzials etwas unterverkauft, könnte man sagen. Denn was sich beim Cayenne unter dem Blech tat, beeindruckt.

Schon bei der ersten Ausfahrt merkt man der dritten Generation an, dass bei deren Entwicklung der Porsche-Vorstand „mehr 911!“ ausgerufen hatte. Noch mehr als beim Panamera fällt der Unterschied zum Vorgänger groß aus. Um 65 Kilogramm hat der Neue erst einmal im Schnitt abgespeckt, dazu sorgt eine neu entwickelte Vorderachskonstruktion nun für mehr Kurvengier. Den Rest an geschärftem Fahrgefühl übernimmt fahrwerksseitig die Vernetzung aller elektronischen Fahrwerkssysteme. „4D Chassis Control“ nennt Porsche das und es bringt Präzision, noch mehr Tempo und ein Maximum an aktiver Fahrsicherheit. Das Thema „911“ nahm Porsche beim Cayenne nun so ernst, dass im getesteten „S“ hinten breitere Reifen aufgezogen sind als vorne. Am Testwagen waren es gar 21-Zöller der Dimension 315/35.

-

Gut so! Denn wer sich über das Drehrädchen am herrlich anzugreifenden Sportlenk­rad in die Sportprogramme begibt, schärft Fahrwerk, Lenkung und das Ansprechverhalten des Dreiliter-Biturbo-Benziners nochmals. Der bietet schon im Normalmodus mit 440 PS und 550 Newtonmetern genug Kraft, ohne jedoch bei niedrigeren Drehzahlen die Souveränität eines Panamera V8-Diesel oder E-Hybrid zu erreichen. Dies merkt auch die Automatik, die da schon mal gerne schnell zurückschaltet.

Geht die Drehzahlnadel aber höher, posaunt der Sechszylinder lustvoll klingend davon. Die Automatik wechselt schnell und perfekt, nur selten möchte man noch die Schaltwippen benutzen. In fünf Sekunden erreicht der „S“ so 100 km/h. Beeindruckend auf der Autobahn, aber noch fesselnder auf der Landstraße, wo der neue Cayenne im Sport-Plus-Modus auch richtig scharf gefahren werden kann. Da ist der Neue ganz eindeutig mehr Porsche als seine Vorgänger.

Auch der Klang passt endlich wieder. So scheinen Fahrspaß und Fahrsicherheit auf so mancher Streckenetappe grenzenlos. Schön, dass da auch Verbrauch (akzeptable 11,6 Liter) und die Bremsen mitspielen.

Innen herrscht ein prachtvoller Mix aus Qualität und Modernität.
- Fellner

Andererseits muss der neue Cayenne ja auch mit 3500 Kilogramm (!) Zuglast umgehen können. Überhaupt legte der Cayenne nicht nur in der Dynamik, sondern auch beim Nutzwert deutlich zu.

Dazu sollte man bei einem Geländegänger natürlich unbedingt nochmals 2642 Euro für die adaptive Luftfederung in die Hand nehmen. Ausgezeichneter Komfort paart sich mit der Möglichkeit, die Bodenfreiheit über Stock und Stein auf ein unter Umständen entscheidendes Maß zu erhöhen. Innen lässt sich die Rückbank nun verschieben und in der Neigung verstellen – das Ladevolumen im Kofferraum legte so um 100 Liter auf 770/1710 Liter zu. Der Kofferraum ist zudem glattflächig und perfekt zu beladen. Geradezu lächerlich anhand des Preisniveaus ist jedoch die Laderaumabdeckung im Stil eines Kompaktklassefahrzeugs.

Die Technik

Motor: Sechszylinder-Biturbo-Benziner

Hubraum: 2894 ccm

Drehmoment: 550 Nm bei 1800 U/min

Leistung: 324 kW/440 PS

L/B/H: 4918/1983/1696 mm

Gewicht: 2020/2840 kg

Kofferraumvolumen: 770 – 1710 l

Tankinhalt: 75 l

Höchstgeschwindigkeit: 265 km/h

0 – 100 km/h: 5,2 Sekunden

Verbrauch: 11,6 l/100 Kilometer

Kraftübertragung: Allradantrieb

Preis: 113.792 Euro

CO2-Emission: 213 g/km

Auch sonst verwundert, was in einem Auto für einen Grundpreis von 113.492 Euro alles nicht serienmäßig ist. Für vieles, was in diversen Kompaktklasseautos selbstverständlich ist, sind horrende Aufpreise zu zahlen. Auch der aus der Mittelkonsole ragende Zigarettenanzünder sieht in seiner Nacktheit nicht gerade nach Premium aus. Unverständlich zudem, dass für ein Fahrzeug dieses Segments (das auch oft schnell bewegt wird) kein Head-up-Display bestellbar ist.

Wenigstens ist der Blick in den Innenraum ein echter Augenschmaus. Da bietet Porsche mittlerweile ein Ambiente, das fast schon ein sinnliches Erlebnis darstellt. Design und Qualität präsentieren sich – genauso wie die Ergonomie – auf allerhöchstem Niveau. Das haptische Erlebnis passt zum Luxusfahrzeug. Beeindruckend auch der 12,3 Zoll große Bedienungsbildschirm in der Mitte.

Der neue Cayenne fasziniert – und war noch nie so viel Porsche.




Kommentieren


Schlagworte