Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 09.06.2018


Test

Jaguar I-Pace: Leise säuselt die Sausekatze

Jaguar setzt mit dem Batterie-Stromer I-Pace ein Alternativantriebs-Statement, das on- und offroad genauso elektrisiert wie auf der Rennstecke.

© Performance ist kein leeres Wort, der Jaguar I-Pace ist ein Batterie-Elektriker – und dennoch ein echter Jag.Foto: Werk



Von Beatrix Keckeis-Hiller

Lagos – Es gibt Concept Cars, die man nicht wiedererkennt, wenn sie serienfertig sind. Und es gibt solche, die so gut wie 1:1 umgesetzt werden. Wie der Jaguar I-Pace, der nach vier Jahren Entwicklungszeit in Österreich, bei Magna in Graz (Stmk) vom Band läuft.

Man hat ihn mehrmals gesehen. Virtuell im Herbst 2017, eine VR-Brille überbrückte die Distanz zwischen London Central – Motor Show Los Angeles in Echtzeit. Live in Graz, wo vor dem Genfer Autosalon (März) die Welt­premiere zelebriert wurde.

Jetzt, an der Schwelle zum Sommer, steht er fahrbereit auf dem Parkplatz des Flughafens Faro, Portugal. Trotz Kurznasigkeit ist die Verwandtschaft zu F- und E-Pace unverkennbar. Der muskulöse Alu-Korpus des fünfsitzigen Performance-SUVs steht geduckt da, auf 4,682 m gestreckt, bei einem Radstand von 2,99 m. Das Heck ist ungewöhnlich steil gestellt, das dient der Aerodynamik, ebenso wie die versenkbaren Türgriffe (siehe Range Rover Velar). Unter der Fronthaube sitzt statt eines Verbrenner-Aggregats die Steuerungselektronik. Das Batterie-Managementsystem ist im Heck platziert, unter dem ab 656 l großen Kofferraum (max. 1.453 l). Für Vortrieb sorgt je ein E-Motor pro Achse. Dazwischen liegt, im Wagenboden versenkt, das 90-kWh-Akku-Paket (Lithium-Ionen). Die Leistungsdaten: 400 PS, 696 Nm, 0–100 in 4,8 Sekunden, 200 km/h Top-Speed (abgeregelt). Reichweite (WLTP): 480 km. Verbrauch: 21,2 kWh pro 100 km (WLTP). Ladezeit: am Schnell-Lader 40 Minuten auf 80 % (in 15 Minuten auf 100 km Reichweite). Die 2,2 Tonnen Gewicht gehen großteils zu Lasten der Batterie, der Kühlung und der Elektronik-Mitgift.

Wer gedacht hatte, Jaguar würde bei der Fahr-Premiere um die Tatsache, dass der I-Pace ein Batterie-Elektriker ist, ein besonderes Aufheben machen, der irrte. Alles ging den gewohnten Gang: Briefing. Fertig. Los. Auf dem Programm: Autobahn, das kurvenreiche Hinterland der Algarve, eine g’schmackige Offroad-Sektion mit Wasserbad (500 mm Wattiefe, Höhenverstellung, an Bord sind sowohl Geländetempomant als auch Bergabfahrhilfe), als Mittagsprogramm gibt’s ein paar Runden auf der fordernden Rennstrecke von Portimão.

Das Interieur ist vertraut, trägt die Jaguar-Handschrift. Klar, man schaltet via Taste nicht die Zündung ein, sondern weckt den Stromfluss. Die Cockpit-Einrichtung ist mit dem 12-Zoll-Display hinter dem Volant keine Unbekannte mehr. Auch die Steuerung von Funktionen und Infotainment, hier greift man auf die Konzern-Mitgliedschaft mit Land Rover zurück, Basis ist das duale Touchscreen-System (5 und 10”), das im Range Rover Velar debütiert hat.

Da wäre noch die Akustik. Die Sausekatze säuselt und singt, pfeift aber nicht. Die Dämmung sperrt Reifenabroll- und Fahrtwindgeräusche fast komplett aus, Jaguar greift dafür auch auf White-Noise-Technik zurück, das ist quasi eine akustische Überlagerung. Man kann sich Fahrsound holen, von leisem Schnaufen bis zu gedämpftem Grollen. Elektronikgeräusch-Allergiker können das aushalten. Es hilft, man muss in Elektrikern das Gefühl für Geschwindigkeit neu lernen.

Spannend ist es, mit dem E-Pedal zu spielen, in der höchsten Rekuperationsstufe, das funktioniert wie die Motorbremswirkung eines Verbrenners. Das Bremspedal ruht oft, wird nur dann bemüht, wenn’s notwendig ist. Zum Beispiel, beim Ausreizen des Dynamik-Modus, auf der Autobahn, bei der Feststellung, dass man – wieder – viel zu schnell ist. Und auf der Rennstrecke. Wo der I-Pace seine Ausbalanciertheit (50:50-Gewichtsverteilung) und seine Agilität bei forcierter Gangart (er geht wirklich 200) besonders eindrucksvoll beweist, allerdings auch sein Gewicht in die Waagschale wirft. Nicht nur für die Boxenstraßen-Gangart hat Jaguar einen Kriechgang, wie bei einem Automatikgetriebe, installiert.

Am Ende des ersten Fahrtages war das Grinsen genauso breit wie nach einer Fahrt mit den Verbrenner-Brüdern auch. Es hörte nach dem zweiten an Kurven reichen Tag erst recht nicht auf. Thema: Energie-Verbrauch. Nach rund 200 Kilometern (je nachdem, wie oft man sich verfranzt hatte) auf öffentlichen Straßen blieben laut Bordcomputer noch etwa 100 Kilometer übrig. Trotz intensiven Spielens mit der Leistungsbereitschaft.

Der Preis: ab 78.380 Euro. Ab Juli säuseln die ersten I-Pace los. Optional auf 22-Zöllern. Rund sechzig Elektriker sollen es in Österreich heuer noch werden. Die Nachfrage ist größer als das Verfügbarkeitskontingent.




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