Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 01.09.2018


Porsche 718 Boxster

Kein linker Fuß

Das Nörgeln über hochgezüchtete Vierzylinder-Benzinmotoren müsste mit dem Wirken des 2,5-Liter-Turboboxers im Porsche 718 Boxster GTS ein Ende finden.

© HöschelerEin aufgeladener 2,5-Liter-Vierzylinder-Boxerbenziner treibt den 718 Boxster GTS in Verbindung mit einer Doppelkupplung in 4,1 Sekunden von null auf 100 km/h an.



Von Markus Höscheler

Zuffenhausen – Es war eine Meisterleistung von Daniel Day-Lewis, als er einen Schwerstbehinderten in dem Film „Mein linker Fuß“ spielte. Durchaus preisverdächtig ist auch das, was sich Zuffenhausen zuletzt zum Thema offener Mittelmotorsportwagen gedacht hat. Mit dem Facelift vor zwei Jahren (?) zog eine umstrittene Vierzylinder-Boxermotor-Generation hinter die beiden Vordersitze ein, vertrieb saugende Sechszylinder-Aggregate aus Gründen des Verbrauchsverhaltens. Der Vorgang war umstritten, die Resonanz geteilt. Die eine Seite lobte die Kraft und das Ansprechverhalten, fand kaum ein Turboloch. Die andere Seite fand den Klang ärgerlich, den Motor etwas gezügelt.

Die zuletzt genannten Argumente sind nicht wirklich stichhaltig, wenn die GTS-Version des 718 Boxster vorfährt. Dessen 2,5-Liter-Vierzylinder-Boxer leistet überzeugende 365 PS und stemmt ein maximales Drehmoment von 430 Newtonmetern ab 1900 Touren. Die Richtung des Kraftflusses beschränkt sich auf die Hinterräder, gecoacht von einer zielstrebig agierenden Siebengang-Doppelkupplung. Und damit sich wir beim eingangs erwähnten linken Fuß – genau den, mit dem Day-Lewis im oscarprämierten Film den Alltag zu bewältigen verstand, braucht es im Box­ster GTS nicht. Er darf ruhen. Gemütlich machen darf es sich der Fahrer aber nicht, da die direkt-präzise Lenkung Konzentration erfordert – und der 718 Boxster GTS es unterstelltermaßen genießt, recht zügig in die Kurven gejagt zu werden. Die Balance bei Richtungswechseln ist jedenfalls außerordentlich, das ausgewogene Fahrwerk verzeiht viele Rüpeleien eines ungezügelten Gasfußes. Nebenbei ist es für einen Sportwagen mit tiefer Sitzposition ausgesprochen komfortabel abgestimmt – montierten Niederquerschnittsreifen zum Trotz.

Aber noch einmal zurück zum Vierzylinder: Dessen direkte Ansprechweise, seine kontinuierliche Kraftentfaltung und seine überzeugende Beschallung verdienen Lob; erst recht in Verbindung mit dem Verbrauch, der sich bei 8,9 Litern je 100 Kilometer im Test einpendelte, Dolomiten- und Autobahn-Etappen eingeschlossen. Souverän meistert der 718 Boxster GTS zügig zu absolvierende Überholmanöver, bissfest sind die Bremsanlagen – die rote Farbe der Bremssättel verleiht der Standfestigkeit den gebotenen Eindruck.

Die Technik

Motor: Vierzylinder-Turbobenziner

Hubraum: 2497 ccm

Drehmoment: 430 Nm bei 1900 U/min

Leistung: 269 kW/365 PS

L/B/H: 4379/1801/1272 mm

Gewicht: 1480/1705 kg

Kofferraumvolumen: 275 l

Tankinhalt: 64 l

Höchstgeschwindigkeit: 290 km/h

0 – 100 km/h: 4,1 Sekunden

Verbrauch: 8,9 l/100 Kilometer

Kraftübertragung: Hinterradantrieb

Preis: 123.648,37 Euro

CO2-Emission: 186 g/km

So sehr die athletischen Fahrleistungen des bis zu 290 km/h schnellen Boxster GTS im Vordergrund stehen, kommen einige Annehmlichkeiten im Zweisitzer nicht zu kurz. Der zweigeteilte Kofferraum offeriert reisetaugliche 275 Liter Stauvolumen, das elektrisch zu bedienende Stoffverdeck funktioniert praktischerweise auch während der (nicht allzu schnellen) Fahrt. Den hochwertigen Touchscreen würden wir uns auf der Mittelkonsole höher positioniert wünschen, auch die Zugänglichkeit zu einigen Direktwahltasten ist aufgrund des dominanten Wählhebels nicht immer eine optimale. Dafür offerieren das Infotainmentsystem und die Zweizonen-Klimaautomatik erwartungsgemäß ihre Arbeit im nahezu perfekten Stil, die Anbindung ans Smartphone gelingt verhältnismäßig einfach.

Nicht ganz so einfach, also beileibe nicht mit links, lässt sich für Normalverdiener der Geldbetrag für die Anschaffung eines neuen Boxster GTS auftreiben. Schon der Listenpreis ist knapp unter 100.000 Euro angesiedelt – dank einiger Zutaten kostet der uns zur Verfügung gestandene Testwagen 123.648,37 Euro. Da kann es schon sein, dass mancher Porsche-Freund einen Blick auf eine höhere Fahrzeugkategorie wirft, namentlich in die Riege des 911 Carrera. Das GTS-Besondere, die Eigenart des Vierzylinder-Boxerbenziners und das kraftvoll-individuelle Design eines Boxsters bleibt dem 911-Wechsler dann allerdings verwehrt. Und, nicht ganz unwichtig: Gegen Ende des Jahres steht beim 911 ein Generationswechsel auf dem Programm.