Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 17.11.2018


Test

Bayerischer Full-Dresser mit Sixpack

Das Motto der BMW K 1600 Grand America ist „Einmal mit allem“: Sechszylinder-Sauger, Kurvenlicht, Sitzheizung und Stereoanlage.

© Letzner



Von Lukas Letzner

Schlanders – Wenn man nur auf die wichtigsten Extras schaut, dann könnte man schnell verwirrt werden: Sechzylinder-Sauger, Xenon-Leuchten, adaptives Kurvenlicht, Rückfahrhilfe und kunstvolle Bodenbeleuchtung. Das kann nur ein äußerst komfortabler Mittelklasse-Wagen sein. Weit gefehlt! Wir haben ein Motorrad vor uns stehen. Und was für eins! Die BMW K 1600 Grand America ist zwar kein Kurven-Fräser, dafür ein waschechter Kilometer-Fresser.

Sie basiert auf der BMW K 1600 Bagger, wobei das „Bagger“ hier nicht etwa für eine Baumaschine steht, sondern sich auf eine amerikanische Stilform bezieht, welche mittels nach hinten abfallender Designlinie die Verkleidung und die Koffer (Bags eben) miteinbezieht. Auch wenn die K 1600 – wie fast alle Zweiräder mit Propeller-Logo – aus Spandau kommt, beherrschen die Designer die Formensprache perfekt. Der mächtige Windschild wurde gekürzt, die Sitzhöhe möglichst weit Richtung Asphalt verschoben und der Lenker wurde leicht nach hinten verlängert. Besonders geglückt ist den Designern das Heck, das die zwei Seitenkoffer und auch das Top-Case elegant integriert. Die Heckleuchten in Blitz-Form sind genau auf die armdicken Endrohre der Auspuffanlage gerichtet und runden das optische Erscheinungsbild unserer Deutsch-Amerikanerin gekonnt ab.

Als wir uns das erste Mal in den Sitz fallen ließen, fühlten wir uns auf Anhieb wohlbehütet. Der Sitz ist äußerst komfortabel und auch der Sozius reist kommod. Dank des üppigen Windschilds – welcher sich in der Höhe verstellen lässt – weht einem so gut wie kein Wind ums Näschen, und die Verkleidung tut ihr Übriges. Wenn einem unerwartet doch einmal etwas kühl werden sollte, so kann man sich mittels Sitz- und Griffheizung aufwärmen. Doch bis jetzt ist das alles graue Theorie, also Helm auf und los geht’s.

Nach einem Druck auf den Anlasser meldet der kernige Sound der sechs Zylinder: Wir sind bereit für die große Tour. Die erste Aufgabe besteht darin, die 325 Kilogramm schwere Bayerin aus der Parklücke zu manövrieren. Wie soll das nur gelingen? Doch dank der eingebauten Rückfahrhilfe geht das trotz des stolzen Gewichts erstaunlich leicht. Schlussendlich können 160 PS und das maximale Drehmoment von 175 Nm beweisen, dass sie mit den Pfunden kein Problem haben. Und die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Kraftvoll zieht die Bayern-Bagger unten raus, als würden die vielen Kilos von Mensch und Maschine gar nicht existieren. Auch wenn wir auf der Landstraße anfangs noch recht vorsichtig ans Werk gingen – schon nach kurzer kurvt man fröhlich durch die Lande und vergisst schnell, was für ein Schwergewicht man eigentlich bewegt. Sobald die BMW in Fahrt ist, fällt das Handling kinderleicht und man kann die Gangart deutlich erhöhen. Apropos: Ganz so flott wird es eigentlich nie, denn die Höchstgeschwindigkeit der K 1600 liegt bei 162 km/h. Da sie bei dieser Geschwindigkeit aber auch etwas unruhig wird, fällt das anfangs gar nicht auf.

Das Hauptaugenmerk liegt klar auf Komfort. Sie frisst die Kilometer förmlich und weiß dabei ihre Passagiere zu verwöhnen. Die Stereoanlage würde es auch mit dem heimischen Wohnzimmer aufnehmen, das ­Navi zeigt einem zuverlässig den Weg und dank Tempomat und Trittbrettern kann man auch die Position von Armen und Beinen bequem ändern. So viel Komfort hat seinen Preis: 31.730 Euro kostet der Reisebegleiter mindestens.