Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 23.02.2019


Test

„Noch einen Ferrari auf Eis, bitte!“

Ferrari beweist mit dem GTC4 Lusso, dass ein 690-PS-Supersportwagen und forcierter Wintereinsatz keinen Widerspruch darstellen. Die TT ließ den Allrad-V12 auf den verschneiten Rundkurs.

Die Proportionen und das Leistungsvermögen des GTC4 Lusso rauben einem den Atem. Ein ausgeklügeltes Allradsystem und die Hinterradlenkung dirigieren die Kräfte.

© HerstellerDie Proportionen und das Leistungsvermögen des GTC4 Lusso rauben einem den Atem. Ein ausgeklügeltes Allradsystem und die Hinterradlenkung dirigieren die Kräfte.



Von Reinhard Fellner

Saalfelden – Geht es um die weltweit schönsten, leistungsfähigsten und teuersten Sportwagen, verbinden dies viele mit einem legendären Namen – Ferrari. Vor 100 Jahren begann Firmengründer Enzo Ferrari seine Karriere bei Alfa und schuf später unter eigenem Namen automobile Kunstwerke, die heute teils für Millionen versteigert werden. Schnee, Eis und Ferrari – das war bis 2011 jedoch ein Widerspruch. Es war damals die Geburtsstunde des FF, eines viersitzigen Gran Turismo mitsamt Allradantrieb.

Sein Nachfolger ist der GTC4 Lusso. Wieder ein hinreißendes Shooting Brake. Wieder mit einem nunmehr 690 PS leistenden V12-Motor. Jedoch mit einem völlig neu entwickelten Allrad- und Fahrwerkssystem, um die knapp 700 Newtonmeter des Traumaggregats in größtmöglichen Grip und Fahrspaß umzuwandeln. Dem Preis (340.044 Euro mit Vollassistenz) angemessen, scheute Ferrari bei der Entwicklung des Allradsystems keinen Aufwand. 4RM-System heißt es und ist zusätzlich mit einer Hinterradlenkung verbunden. Das Drehmoment fließt nun noch schneller an die Vorderachse – und zu 90 Prozent auf das jeweilige Außenrad, ohne dabei die Gesamttraktion der Vorderachse zu reduzieren. Das mitlenkende Heckantriebssystem minimiert Korrekturen in Kurven, eine erstmals konstruierte Schubvektorsteuerung wandelt überschüssige Längskräfte der Hinterräder zur Stärkung der Lateralkräfte um. Ein weniger abruptes Erreichen der Leistungsgrenze und Leistungserhöhung dank verbesserter Querbeschleunigung waren das Ziel.

Bei einem weltweit exklusivem Termin testete die TT im tief verschneiten Saalfelden die Technik in der Praxis. Taugt der Ferrari für den betuchten Familienvater wirklich als Alltags-Racer (450 bis 800 Liter Kofferraum) für alle Jahreszeiten? Kann eine Skulptur, die in 3,4 Sekunden auf 100 km/h und bis zu 335 km/h rennt, ein Cavallino Rampante auf Eis sein? Während man überlegt, duftet im Innenraum das kunstfertig verarbeitete Leder, als hätte es keine andere Funktion.

Motor an, Nackenhaare rauf: Der Klang des V12 hat etwas Betörendes. Das Fauchen und Grollen, das Vibrieren, die tonale Kraft sind große Oper. Und die 12 Töpfe trumpfen in jeder Tonlage groß auf – besonders wenn man sie im Schnee und im Drift richtig fordern kann. Es sind diese mechanischen Konzerte und Schwingungen, die uns an großen Sportwagen immer faszinieren werden. Die stärksten Elektroautos beschleunigen zwar in ihrer Linearität ebenfalls – geradezu – brutal, wecken aber aufgrund ihrer seelenlosen Stummheit sonst weder Emotion noch Liebe.

Beim hocheleganten GTC4 lief es beim „Ice Race“ in Saalfelden aber eher wie an der mondänen Bar: „Noch einen Ferrari auf Eis, bitte!“, mochte man vor jeder Runde im Drift sagen. Das Unfassbare – mit 700 PS bestangezogen und extrem schnell auf Schnee – funktioniert nämlich. Ein Feuwerwerk an Grip stellt das Erlebnis sicher und lässt schon mal einen Ausblick, wie das mit dem GTC4 Lusso wohl erst auf halbwegs trockener Straße läuft. Auf Schnee und Eis registriert das Fachpublikum jedenfalls eine unerwartete Spurtreue an der Vorderachse sowie eine Gutmütigkeit und Berechenbarkeit in Drifts, die bei derart leistungsstarken Fahrzeugen einzigartig ist. So kann auf der Schaltposition „Eis“ auch die Nanny auf verschneiten Kursen zum Kindergarten cruisen. Auf „Sport“ erleben hingegen Geübte den Spaß ihres Lebens im perfekt kalkulierbaren Drift. Die Technik macht das über Stunden anstandslos mit. Chapeau! – bei 690 PS unter Volllast wohl auch ein Hinweis auf Ferraris Rennerfahrung, bis hin zur Königsliga Formel 1.

So fasziniert der GTC4 Lusso mannigfaltig. Er ist nicht nur ein famoser Sportwagen, sonder vielleicht der großartigste Gran Turismo aller Zeiten.