Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 16.03.2019


Test

Kia ProCeed: Kias kühnster Stilbruch

Gut aussehen, zügig fahren – und dabei auch noch ordentlich einstecken können: Dem Kia ProCeed gelingt dies auf anschauliche Weise.

Früher stand der Name ProCeed für die dreitürige Ausführung des Kompaktwagens, nun steht er für den vorgängerlosen Shooting Brake.

© HöschelerFrüher stand der Name ProCeed für die dreitürige Ausführung des Kompaktwagens, nun steht er für den vorgängerlosen Shooting Brake.



Von Markus Höscheler

Dölsach – Der ProCeed der Vergangenheit war vieles, aber er war nicht wirklich familientauglich: Die größte Einschränkung lieferte das Fahrzeugkonzept, nämlich eine Art dreitüriges Coupé. Auch wenn er sich von den Ausmaßen her klarerweise an der fünftürigen Schräghecklimousine orientierte, fehlten ihm die praktischen Fondtüren. Kindersitze ein- und ausbauen, Kinder ein- und aussteigen lassen – wohl nicht die einfachste Übung. Der ProCeed der neuesten Generation macht hier interessanterweise keine Probleme. Das liegt am Wechsel der Karosseriebauart. Dreitürer sind nicht mehr en vogue, also hat auch Kia darauf verzichtet. Coupé-Look dagegen bleibt höchst attraktiv, ein Kombi hat in Europa weiterhin seine Berechtigung. Und die Kreuzung davon, also eine Art Coupé-Kombi, also eine Art Shooting Brake? Gibt es, ist aber recht selten (Mercedes hat davon einen, nämlich den CLA Shooting Brake). Nun hat auch Kia einen mit dem ProCeed. Und der ist ein edel-eleganter Blickfang, mutig gezeichnet mit einer auffällig geschwungenen Dachlinie und einem sehr flachen Heckfenster. Das kostet Laderaum, aber nicht so viel, wie wir uns ursprünglich dachten: 30 Liter sind es laut Hersteller weniger, es reicht immer noch für fast 600 Liter Stauraum netto und mehr als 1500 Liter Stauraum brutto. Wirklich?

Genau gemessen haben wir nicht, dafür haben wir ihn auf die Reisetauglichkeit hin geprüft: Vier Insassen mit reichlich Gepäck, dazu Mitbringsel für die Besuchten, Lebensmittel und jede Menge Verbrauchsgüter. Und der ProCeed? Der schluckte alles mit Bravour, selbst Sperrgut konnte er transportieren, wie wir später feststellten. Und in diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert sind Zusatzlösungen wie weiterer Stauraum unterhalb des Kofferraumbodens, Schienen zum Befestigen von Gütern und praktisch umlegbare Rücksitzlehnen.

Sosehr der Laderaum überzeugen konnte, so eng geschnitten wirkt der ProCeed im vorderen Teil des Fahrzeugs. In der ersten Reihe hat man beinahe den Eindruck, man sitze in einem Sportwagen. Diesen Eindruck unterstützen zusätzlich das etwas straff abgestimmte Fahrwerk, die eher laut eingestellte Abgasanlage und der bissige Benzinmotor, in unserem Fall der 204 PS starke 1,6-Liter-Vierzylinder-Turbo. Besonders im Sportmodus wirkt er angriffig, selbst die Siebenstufen-Doppelkupplung lässt ihm den Schwung. Zurückhaltung kennt der Ottomotor offenbar nur beim Verbrauch: Mit 8,2 Litern während unseres Tests, versehen mit einigen Berg- und Talpassagen, lässt es sich leben – zumal wir wissen, dass der ProCeed auch ganz gemütlich gefahren werden kann.

Zum Fahrgenuss gesellt sich im Übrigen ein hohes Maß an Komfort- und Sicherheitstechnik, ein praktisches Navigationssystem und Hilfen fürs Einparken: Ohne Rückfahrkamera und Sensoren wären wir wegen der schlechten Übersicht nach hinten bauartbedingt in einigen Fahrsituationen ratlos. Mit einem Shooting Brake fährt es sich ohnehin besser im Vorwärtsgang.