Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 11.05.2019


Test

Pac-Man unter den Kurvenfressern

Auf den geschlängelten Landstraßen der Toskana kann sich das neue Porsche 911 Cabriolet behaupten: Windung um Windung bleibt der 450-PS-Sportwagen stabil auf dem Asphalt. Nur der Tarif wirft einen aus der Bahn.

Zum Aufblühen: Ein 450 PS starker Boxerbenziner, eingebaut in einem Porsche 911 Carrera 4S Cabriolet, ist behilflich beim Erkunden der frühlingshaften Chianti-Landschaft.

© HöschelerZum Aufblühen: Ein 450 PS starker Boxerbenziner, eingebaut in einem Porsche 911 Carrera 4S Cabriolet, ist behilflich beim Erkunden der frühlingshaften Chianti-Landschaft.



Von Markus Höscheler

Castelnuovo Berardenga – Der eine ist 39 Jahre alt, der andere bringt es schon auf 56 Lenze. Gefräßig sind sie beide, der Pac-Man und der Porsche 911. Beim Erstgenannten handelt es sich um einen Protagonisten im gleichnamigen Computerspiel. Dessen Hauptziel ist es, so viele Pillen wie möglich zu schlucken, ehe ihn die vier verfolgenden Gespenster fassen. Der Zweitgenannte hat sich einen Ruf als extrem agiler Sportwagen von der ersten Generation erarbeitet – er beherrscht Längs- und Querdynamik gleichermaßen, er gilt als idealer Kurvenfresser. Verfolgt wird auch er, zumeist von Begehren ausstrahlenden Augenpaaren, die am Straßenrand die neueste, nämlich die achte, Generation des Kraftpakets für kurze Zeit erfassen. Als Coupé und als Cabriolet ist sie neuerdings unterwegs, vorerst beschränkt auf eine Motorvariante: einen aufgeladenen Sechszylinder-Boxerbenziner mit 450 PS, immerzu verknüpft mit einer Achtstufen-Doppelkupplung (PDK). Variation herrscht beim Kraftschluss: Beziehbar ist der 911 entweder als reiner Hecktriebler oder als Allradler (4S).

Ein offener 4S wollte in dieser Woche von uns in der Toskana begleitet werden. Südöstlich von Florenz ging es ins leuchtend grüne Chianti-Gebiet, reich an Hügeln und überreich an kurvenreichen Landstraßen mit unterschiedlicher Asphaltqualität – das Bewährungsgebiet schlechthin für den traditionsreichen Sportwagen. Waren schon die früheren Generationen ein Quell der Freude gewesen, wenn Kehre um Kehre absolviert wurde, galt dies erst recht für den Neuling.

Das Zusammenspiel von direkt-präziser Lenkung, zügig und richtig reagierender PDK sowie Boxerbenziner und austariertem Fahrwerk sucht seinesgleichen. Willig und zielgenau wechselt der 911 die Richtung, außergewöhnlich hoch sind die dabei erzielten Kurventempi, ohne dabei die Contenance zu verlieren. Rissige Oberflächen und moderat große Schlaglöcher bügelt das Fahrwerk im Comfort-Modus gekonnt weg, im Sport-Modus spüren wir von der Oberflächenbeschaffenheit verständlicherweise mehr. Schnell bauen Fahrer und Beifahrer Vertrauen ins technisch Mögliche auf, schließlich wollen die 530 Newtonmeter Drehmomentspitze, anliegend zwischen 2300 und 5000 Touren, in Vortrieb umgesetzt werden. Mit einem Sport-Chrono-Paket vergehen lediglich 3,6 Sekunden, bis das Modell von null auf 100 km/h beschleunigt hat, mehr als 300 km/h wären möglich – allerdings in der Praxis völlig undenkbar inmitten der toskanischen Weinberge. Von einem Turboloch ist praktisch nichts zu vernehmen, von einer frischen Brise dagegen schon etwas – sofern das sich innerhalb von zwölf Sekunden vollautomatisch öffnende Stoffverdeck in Z-Faltung seinen Platz hinter den Sitzen gefunden hat.

Belassen es die Insassen zwischenzeitlich beim gemütlichen Cruisen, lassen sich beim neuen 911 einige Veränderungen feststellen: Die Digitalisierungswelle erfasste die achte Generation mit voller Wucht, erkennbar etwa an den beiden TFT-Bildschirmen, die den analog gehaltenen, mittig platzierten Drehzahlmesser am Armaturenbrett flankieren. Daneben leuchtet in starken Farben ein 10,9-Zoll-Touchscreen auf der Mittelkonsole, um mit hoher Auflösung hochwertiges Kartenmaterial für die Navigation zu servieren. Die Zahl der Tasten hat sich gegenüber dem Vorgängermodell erheblich reduziert. Die wenigen, die geblieben sind, haben es aber in sich: So gibt es zum Beispiel einen Wet-Modus-Schalter, der bei regennasser Fahrbahn verschiedene Fahrzeugparameter so einstellt, dass sie für eine sichere, stabile Fahrt sorgen. Eine Spielerei? Vielleicht – aber das könnte durchaus intendiert sein. Denn Helmut Eggert, Geschäftsführer von Importeur Porsche Österreich, befindet, dass man nur jung bleibt, wenn man weiterhin spielt. Die Zahlen geben dem Unternehmen recht, weltweit wurde der 911 generationenübergreifend schon mehr als eine Million Mal verkauft.

Dabei kann einen der Preis schon aus der Spur bringen: Der von uns gefahrene offene 4S kostet ab 172.491 Euro, der S mit bloßem Heckantrieb ab 164.155 Euro – sozusagen eine Kostspielerei.