Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 18.05.2019


Test

Mercedes EQC: Ziemlich still mit reichlich Stil

Pikanter Neuzugang im Imageträger-Segment der Elektro-Sport-Utility-Vehicles: Der Mercedes EQC erfüllt alle Markentugenden – nur leiser und diskreter.

Hightech-Konsole: Der EQC ist wie andere neue Mercedes-Baureihen mit dem MBUX-Infotainmentsystem bestückt.

© MediaPortal Daimler AGHightech-Konsole: Der EQC ist wie andere neue Mercedes-Baureihen mit dem MBUX-Infotainmentsystem bestückt.



Von Stefan Pabeschitz

Oslo – In der Nische der großen Premium-SUV ist die Elektrotechnik gut etabliert: Mit Tesla Model X, Jaguar i-Pace, Audi e-tron und nun dem Mercedes EQC ist das Segment üppig bestückt. Für die Zukunft der E-Mobilität dürften Zweieinhalb-Tonnen-Kolosse mit bis zu sechsstelligen Preisen zwar kaum stehen – die Hersteller bieten die Technik aber nun einmal lieber erst dort an, wo dafür auch bezahlt wird. Das Risiko einer kostspieligen Massenfertigung lässt sich damit ebenfalls verschieben, bis klar ist, ob der Markt die neue Technik überhaupt annimmt.

Für einen echten Mercedes gelten natürlich auch mit E-Antrieb die klassischen Markentugenden wie Komfort, Leistung und Sicherheit. Zur besseren Geräuschdämmung wurden die Elektromotoren mehrfach vibrationshemmend gelagert und gedämmt – tatsächlich ist der 4,76 Meter lange Elektro-Benz ein auffallend sanfter Riese, nicht das leiseste Surren dringt von den E-Aggregaten in den Innenraum vor. Auch bei der Entkopplung von Reifen- und Oberflächeneinflüssen wurden neue Maßstäbe gesetzt, selbst eine Akustikverglasung ist serienmäßig an Bord. Die etwa 650 Kilo schwere Batterie des auf der Basis des GLC aufbauenden Elektro-SUV liegt flach in der Bodenplatte und unter der hinteren Sitzbank, trägt somit zur Absenkung des Schwerpunkts bei und ist von einem zusätzlichen hochstabilen Crash-Rahmen umgeben.

Für ausreichende Leistung sorgen jeweils ein E-Motor pro Achse, zusammen liefern sie stolze 408 PS. Genug, um den Leisetreter in 5,1 Sekunden aus dem Stand auf hundert km/h zu wuchten, die Höchstgeschwindigkeit ist allerdings auf 180 km/h limitiert. Primär sorgt der Frontmotor für den Vortrieb, ist Traktion oder zusätzlicher Schub gefragt, springt das Aggregat an der Hinterachse zusätzlich ein.

- MediaPortal Daimler AG

Außer der für starke E-Modelle üblichen Katapult-Beschleunigung beherrscht der EQC auch das nahtlose Zusammenspiel der Motoren und die Dosierung der Leistung auf höchstem Niveau: Der elektronisch geregelte Antrieb der beiden mechanisch nicht verbundenen Achsen ist perfekt orchestriert, auch auf nassem oder losem Untergrund agieren die Systeme souverän und blitzschnell. Zusammen mit der direkten Lenkübersetzung liefert das große SUV damit eine Leichtfüßigkeit, die man ihm kaum zutrauen würde – subjektiv ist das Handling ähnlich agil wie in einem Kompaktklasse-Modell. Bei den Fahrprogrammen lautet die Sortierung nun Comfort, D und Maximum Range. D ist der Standard-Modus, in dem sich Effizienz und Leistung die Waage halten, wobei hier auch die Rekuperation mehrstufig verstellbar ist. Auf dem höchsten Level lässt sich der EQC im Ein-Pedal-Betrieb fahren: Er verzögert beim Lüpfen des Gaspedals ausreichend stark, so dass die Fußbremse kaum noch bemüht werden muss.

An Bord reagiert das sprechfreudige Online-Infotainmentsystem MBUX auf jede Erwähnung des Wortes Mercedes und bietet emsig seine Dienste an. Zu denen gehören auch Cloud-unterstützte Fahrassistenten, die Faktoren wie Witterung, Topografie, Straßenverlauf oder die aktuelle Verkehrssituation berücksichtigen. Der Reichweitenradius nach aktuellem Batterielevel wird ebenso angezeigt wie eine optimierte Routenberechnung unter Einbeziehung der Auflademöglichkeiten. Denen erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte: Selbst im norwegischen Flachland bei nicht mehr als den dort zulässigen 80 km/h lag der Stromverbrauch gut 30 Prozent über der Werksangabe und bei der einzigen Bergauf-Passage verdoppelte sich auch der noch einmal.

Ein größere Überraschung ist aber der Preis des Stuttgarter Stromers: Mit einem Tarif ab 75.500 Euro ist er das bisher günstigste Angebot in der Riege der elektrischen Groß-SUV. Der EQC ist bereits bestellbar, die Auslieferung beginnt Ende Oktober.